SOURCES   06.07.2008 Zugriffszähler Kontakt: info@sources.li 

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Vor bald 3 Jahrzehnten geschrieben, berücksichtigt vorliegende Schrift noch nicht die seither neu hinzugetretenen Befunde der Rekonstruktion der Menschheits- & Naturgeschichte (RMNG), insbesondere bezüglich (1) der vor erst 650 Jahren an der Wende zur Neuzeit zu Ende gegangenen letzten Katastrophenserie nach einer mit «Wahnzeit» zu bezeichnenden Periode, welche auf die Antike folgt & in der Geschichte das sog Mittelalter ersetzt; (2) eines irrig retrokalkulierten "1." XK-Jahrtausends, welches infolge undurchführbarer Osterrechnungen die Chronologie der Weltgeschichte völlig pervertiert; & (3) der hintergründig führenden Rolle des «Hohenpriesters der 2 Morgensterne» Madonna/Venus & Jesus/Merkur – dem Papst & seiner kleinen Equipe engvertrauter Politiker also – bei der Bewerkstelligung des Holokausts.

Monotheismus & Antisemitismus erklärt:

Das Erfinden und Wiederabschaffen der Opfer & der Götter

(Bremen & Basel 1987)

 

 Kultstifter Heros oder Priesterkönig (En, Basileus, Messias) beim heils=heilungsfördernden Töten eines Menschen, der das Kostüm einer im Opfergang unterliegenden kosmischen Naturgewalt trägt, die in der Wirklichkeit die Menschen aber mit Grosskatastrophen gerade in den panischen Schrecken treibt, von dem die Betroffenen im rituell reproduzierenden Spiel, das für eben diesen Heilungseffekt erfunden wird, loszukommen trachten [Terrakottarelief aus dem Sin-Tempel in Chafadschi].

Wo Sühneopfer stattfinden, ist die Opfertötung eines Gottes vorhergegangen. [Karl Meuli 1928]

Immer noch hassen wir unsere Opfer, wenn man so will, aber wir beten sie nicht mehr an. Das Verschwinden dieser in den Mythen überlieferten Umformung des Opfers trägt sicherlich dazu bei, dass wir Verfolgung in unserer gegenwärtigen Welt relativ klar erkennen können, während uns der Mythos stricto sensu unverständlich bleibt. Wir verstehen Verfolgung, weil das einfach leichter ist. & soch versagen wir vor dem Mythos, obwohl – oder gerade weil – er letztlich von nichts anderem handelt als von der zum Extrem getriebenen Umformung des verfolgten Opfers. [René Girard 1978]

Jewish monotheistic concepts during the Second Temple [...] increased as the channels closed between man and the world above. [M. Stern 1969]

I

Im Jahre 515- XK wird in Jerusalem ein neuer Tempel geweiht & damit die Reform vom altorientalischen Hebräertum zum jüdischen Monotheismus im wesentlichen abgeschlossen. Während die ~721- XK vom grossen assyrischen Eroberer Ssargon verschleppten Stämme des Nordreiches Israel bis zum Auftreten der Chasaren gleichsam aus der Geschichte verschwinden, verkörpern die Nachfahren der zwischen ~597- XK & ~586- XK von Nebukadnezar aus dem Südreich Judah Verschleppten eine geistige Revolution, die bei den Nichtjuden von Beginn an Aufsehen erregt & den Juden zu einer bis heute lebendigen Identität verhilft.

2500 Jahre nach der Tempelneuweihung muss Herbert A. Strauss (dem diese Schrift gewidmet ist) konstatieren, dass immer noch nicht verstanden werden könne, warum die Verfolgungsgeschichte des Abendlandes ihr «Element der Kontinuität» mit der «Bestimmung des "Juden" als geeignetem Ziel der Aggression» [1] gefunden hat. «Warum sich die Aggression auf eine bestimmte Minderheit» [2] richtet, vermag die Antisemitismusforschung bisher nicht zu entscheiden.

Was in der Kindheit & in der Psyche von Verfolgern passiert, wird hingegen schon recht gut verstanden. Auch soziale Krisen, unter deren Eindruck die Verfolgungsbereitschaft sich noch zuspitzt, können mit immer grösserer Genauigkeit aufgelistet werden. & selbst über den manipulativen Einsatz dieser Verfolgungsbereitschaft durch politisch Mächtige & solche, die das erst werden wollen, bleiben Historiker & Politologen immer weniger Antworten schuldig. Für ein endgültiges Verständnis des Judenhasses wäre mithin nur noch zu klären, warum er sich gegen Juden richtet.

«Why the Jews?» [3] haben denn auch Dennis Prager aus Los Angeles & Joseph Telushkin aus Jerusalem im Jahre 1983 ein gemeinsames Buch betiteln können. Herbert A. Strauss hat diese Frage für den deutschsprachigen Raum nun ebenfalls aufgeworfen. Was könnte seiner Ehrung näher kommen als der Versuch einer Antwort?

II

Dass vorurteilsgeladene Feindschaft auch dort auf Juden zielen kann, wo es gar keine gibt, ja dass sie sogar von Personen konzipiert wird, die – wie der Kirchenvater Origines (~185 bis ~253 XK) [4] – mit Juden befreundet sind, verweist auf eine Idee, auf einen im Zentrum des Judentums lebendigen Gedanken, der so wenig altert, dass er nicht nur vor 2500 Jahren Anstoss erregte, sondern bis heute stört & fasziniert. Dass gerade persönliche Bekannte von Animosität so häufig ausgenommen werden, belegt bereits, dass der Antisemitismus nicht aus der Schwäche oder Stärke individueller Juden aus Fleisch & Blut wächst. Diese beharren ja mit Recht darauf, dass ihnen nicht minder menschliches Handeln zugebilligt werden müsse als allen anderen Erdenbürgern. Die generelle Irritation heftet sich an einen imperativen Gedanken, der zwar von Juden zuerst ausformuliert wurde, deshalb aber durch sie nicht leichter mit Leben erfüllt werden kann als von der übrigen Welt. Diese Idee gebietet, dass man sich aus dem Opfern anderer kein Heil erwarten dürfe. Was bereits im vorchristlichen Altertum des chaldäischen, griechischen & römischen Machtkreis

den Ungläubigen vom Judentum geboten wurde, war in der Tat etwas ganz Einzigartiges. Diejenigen Elemente der Religion und des Kultus, die sonst überall im Mittelpunkt standen, waren hier völlig weggefallen: es kannte weder Tempel noch Götterbilder, noch Opfer. Die Aufhebung des Opferdienstes, des zentralen Elements alles naturwüchsigen Kultus, mit Ausnahme der einzigen Stätte [...] im Tempel von Jerusalem [...], wurde [...[ dadurch für den grössten Teil der Judenschaft gültig. Darauf beruht es, dass der Tempel mit allen Einzelheiten des Opferdienstes den Juden, wenn sie nach Jerusalem kamen, einen so gewaltigen Eindruck gemacht hat [...]; etwas Derartiges bekamen sie eben, anders als alle anderen Völker, sonst nirgends zu sehen. [5]

Der Faszination über die Befreiung vom Opferritual hat der Aristotelesschüler Theophrastus (~372- bis ~288- XK) mit den Worten Ausdruck verliehen, dass die Juden eine «Nation von Philosophen» [6] , mithin ein religionsfreies Volk seien. & der unter den alexandrinischen Astronomen herausragende Claudius Ptolemäus (-2. Jh XK) gar beschreibt die Einwohner Judäas schlicht als «gottfrei» [7] .

Theophrastus hat aber auch die Scham überliefert, die den – später in mehreren hundert Städten des römischen Reiches lebenden – Juden das allein noch in Jerusalem betriebene Tieropfer bereitet [8] . Sie weist einen direkten Weg zu den judenfeindlichen Gefühlen der Völker des Altertums, die ja nicht nur an einem einzigen Ort, sondern in tausenden von Tempeln zum Opfer eilen & solche Scham zumindest dort verspüren, wo Nichtopfernde in der Nähe weilen. Anders als den wenigen bewundernden Wissenschaftlern & Philosophen erscheinen deshalb die Gottfreien als gottlose «Atheisten» [9] & die Kultfreien als Verkörperung von «Ungeselligkeit» [10] , ja «Menschenfeindlichkeit» [11] . Als durchaus heilendes Mittel («pharmakon») – abgeleitet vom griechischen pharmakos, dem oft an Stelle eines Menschen geschlachteten Bock [12] - wird nämlich das Opferritual erlebt & erstrebt. Seine Verwerfer erscheinen deshalb leicht wie der Nüchterne dem Betrunkenen, der Klarsichtige dem Betäubten oder Selbstbeherrschte dem Übererregten.

Die Juden selbst haben sehr früh gemerkt, dass sie wegen ihrer Überwindung des Opfers wie Provokateure wirken. Die Wendung vom Opfer an Himmelskörper zum Konzept einer unsichtbaren, unteilbaren, zeitlosen & alles bestimmenden kosmischen Kraft wird bei ihnen in erster Linie durch Legenden über den sogenannten Stammvater Abraham lebendig erhalten. Ihre frühesten Niederschriften fallen in die Zeit des babylonischen Exils von ~586- bis ~537- XK & werden erst später den Moseslegenden vor- oder eingeschaltet [13] . Dort heisst es dann:

Hebe auch nicht deine Augen gen Himmel, dass du die Sonne sehest und den Mond und die Sterne und das ganze Heer des Himmels und fallest ab und betest sie an und dienest ihnen» (5 Mose 4:19). [14]

Die Weigerung des Abraham, den eigenen Sohn, Isaak, zu opfern, bringt ihm in den überlieferten Sagen umgehend blutige Nachstellungen ein. Die in Kauf genommenen Grausamkeiten verweisen auf die Kühnheit & Risikobereitschaft der Begründer der jüdischen Idee. Sie beleuchten die Zwillingsgeburt von Monotheismus & Judenhass:

Da lässt Nimrod Abraham gefesselt in einen glühenden Ofen werfen; doch nur seine Stricke verbrennen, Abraham bleibt unversehrt. Jetzt lässt Nimrod einen gewaltigen Scheiterhaufen aufschichten. In dem Wahn, Gottgefälliges zu leisten, tragen alle Bewohner, Weiber und Kinder, das Holz herbei. Sobald der Scheiterhaufen angezündet ist, vermag keiner in der Nähe zu bleiben, so dass es unmöglich wird, Abraham auf den Scheiterhaufen zu legen. Da erbaut Iblis (der satanische Morgenstern) eine Wurfmaschine, mit deren Hilfe Abraham auf den Scheiterhaufen geschleudert wird. [15]

Diese antisemitische Urszene, das Holokaust (Ganzbrandopfer) am sagenhaften Monotheismusbegründer, das Primärerlebnis, in dem Nimrod «unseren Vater Abraham in den Schmelzofen warf» [16] , findet – über das Buch Daniel (im -2. Jh XK aufgeschrieben) Eingang in die hebräische Bibel. Die Ritualverweigerung vor dem goldenen Himmelsdrachen der Chaldäer ahndet hier wiederum der Grosskönig. Durch eine Wundergeschichte jedoch wird das Überdauern der jüdischen Opferverwerfung dokumentiert:

Ihr sollt niederfallen und das goldene Bild anbeten, das der König Nebukadnezar hat aufrichten lassen. Wer aber dann nicht niederfällt und anbetet, der soll sofort in den glühenden Ofen geworfen werden. [...] Da kamen einige chaldäische Männer und verklagten die Juden: [...] Nun sind da jüdische Männer, [...] die verachten dein Gebot und ehren deinen Gott nicht und beten das goldene Bild nicht an. [...] Nebukadnezar [...] sprach zu ihnen: [...] Werdet ihr’s nicht anbeten, dann sollte ihr sofort in den glühenden Ofen geworfen werden. [...] Da wurden diese Männer in ihren Mänteln, Hosen und Hüten, in ihrer ganzen Kleidung gebunden und in den glühenden Ofen geworfen.

Nebukadnezar trat vor die Ofentür und sprach:  Ihr Knechte des Höchsten, tretet heraus und kommt her. Da traten (sie)  heraus aus dem Feuer  und (sie) sahen, dass das Feuer den Leibern der Männer nichts hatte anhaben können und ihr Haupthaar nicht versengt und ihre Mäntel nicht versehrt waren; ja, man konnte keinen Brand an ihnen riechen. (Daniel 3:5-27)

Gegen Ende des 2. Jhs XK verfasst der lateinisch schreibende Sophist Philostratus das Leben des Apollonius von Tyana. In diesem Werk lässt er durch Euphrates – einen Gegenspieler des neupythagoreischen Titelhelden  und Wundermannes – die volkstümliche Sicht jener Zeit über die Abrahamiten zu Worte kommen:

Schon vor langer Zeit haben die Juden sich nicht nur gegen die Römer, sondern gegen die gesamte Menschheit erhoben. Sie leben in undurchdringlicher Absonderung und verweigern der übrigen Welt die Tischgemeinschaft. Von den Trankopfern, Gebeten und Brandopfern schliessen sie sich aus. Auf uns wirken sie fremder als Susa oder Bactra (in Persien) und selbst das ferne Indien. [17]

Ein Dreivierteljahrtausend XK liegt zwischen dem Nebukadnezar der Sage aus dem Buch Daniel und der Verächtlichmachung der sich vom Opfer der übrigen Völker fernhaltenden Juden durch den Schriftsteller am Hofe des römischen Kaisers Septimus Severus (193-211 XK). Bereits im Jahre 70 XK hatte Titus mit dem Jerusalemer Tempel den einzigen jüdischen Opferplatz zerstört & so die allgemeine Wahrnehmung der Juden als Nichtopfernde noch unterstrichen. Spätestens sein Gewaltakt gegen das vorbabylonische Relikt im monotheistischen Judentum macht offensichtlich, dass Menschen existieren können, ohne dauernd andere Lebewesen für sich zu opfern. Ohne Tempel, ohne Priester, ohne Opfer, ohne eigenes Territorium leben die Juden: «Ein Volk, das einsam wohnt, unter die Nationen sich nicht rechnet» (4 Mose 23:9), wie die Bibelautoren des -6. & -5. Jhs XK schon vorausahnen & auch spätere jüdische Schriftsteller hervorheben: «Jegliches Land ist voll von dir und jegliches Meer, und doch nimmt alles unwillig dort Anstoss an deinen Gebräuchen (Sybillinen III, 271). [18]

Woher die Wut auf diese Menschen, deren politische Machtlosigkeit durch Pogrome & Massaker – 88/87- XK in Asaphon & 38 XK in Alexandria, um nur die sicher verbürgten zu nennen [19] – doch längst erwiesen war? Was erzeugt die Erregung über den jüdischen Opferverzicht & wieso haben die noch heidnischen Hebräer zu ihm durchringen können, die anderen Völker ihrer Nachbarschaft aber nicht? Die Schwierigkeit dieses Schrittes wird ja immer wieder auch aus Versuchen deutlich, die Mühsal des jüdischen Lebens durch Rückfall auf die üblichen Rituale zu erleichtern: «Zu dieser Zeit waren in Israel böse Leute; die hielten an bei dem Volk und sprachen: Lasst uns einen Bund machen mit den Heiden umher, und ihre Gottesdienst annehmen; denn wir haben viel leiden müssen seit der Zeit, da wir uns von den Heiden abgesondert haben.» (1 Makkabäer 1:12 – aus dem -2. Jh XK).

III

Sowenig bis heute als verstanden gilt, warum kollektive Erregung sich an Juden vergreift, so unbegreiflich erscheint auch die Herausbildung des diese kennzeichnenden Monotheismus. Vor der Entstehung des Judentums steht das moderne Denken also nicht weniger ratlos als vor seiner Verfolgung. Übereinstimmung besteht lediglich darüber, dass erst nach ~550- im babylonischen Exil die ersten monotheistischen Formulierungen gebraucht werden. Im Deuteronium heisst es: «Jahwe ist der Gott, keiner sonst ausser ihm» (5 Mose 4:35) & im etwa gleichzeitig verfassten Deuterojesaja liest man: «Vor mir ist kein Gott gemacht, so wird auch nach mir keiner sein. Ich, ich bin der Herr, und ausser mir ist kein Erlöser. [...] Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr, kein Gott ist ausser mir.» (Jesaja 43:10-11 & 45:5)

Strittig ist, ob der Jesajaautor [20] den Deuteroniumsautor beeinflusst hat oder dieser unabhängig zu den monotheistischen Äusserungen gefunden hat [21] . Unstrittig ist wiederum, dass gleichzeitig mit dem Monotheismus der unberechenbare, eifersüchtige & strafende Naturkatastrophengott der vorbabylonischen Hebräer schwindet. Der neue Jahwe erweist sich auch dann noch als treu, wenn die Gläubigen von ihm abfallen (5 Mose 4:29-30). Der liebende Gott (5 Mose 7:8), der barmherzige Gott (5 Mose 4:31) tritt in die Weltgeschichte ein. «Gnade geht jetzt vor Recht» [22] und Strafe «gilt nur mehr den einzelnen Sündern» [23] – nicht mehr ganzen Geschlechtern.

Unstrittig ist überdies, dass jetzt auch – ein gutes halbes XK-Jahrtausend vor den Anfängen des Christentums – die jüdischen Liebesgebote aufgestellt werden: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst» (3 Mose 19:18). & sogar der Fremde soll nicht mehr als Feind gelten: «Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.» (3 Mose 19:33-34)

Zum Monotheismus gehören aber nicht nur Barmherzigkeit, Treue, Liebe & Gnade, sondern auch der entschiedene Widerstand gegen die Vorstellung, seiner Gottesidee einen Tempel – einen Opferplatz – zuweisen zu können. Durch das im -5. XK-Jh geschriebene Tritojesajabuch  hat diese entschiedene Position der exilischen Revolution in die hebräische Bibel Eingang gefunden:

Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füsse. Was ist das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet. [...] Wer einen Stier schlachtet, gleicht dem, der einen Menschen erschlägt; wer ein Schaf opfert, gleich dem, der eionem Hund das Genick bricht; wer ein Speiseopfer bringt, gleicht dem, der Schweineblut spendet; wer Weihrauch anzündet, gleicht dem, der Götzen verehrt: wahrlich, wie sie Lust haben an ihren eigenen Wegen und ihre Seele Gefallen hat an ihren Greueln. [...] Sie hörten nicht und taten, was mir nicht gefiel, und hatten ihre Lust an dem, woran ich kein Wohlgefallen habe. (Jesaja 66:1-4)

Während also den Juden von aussen vorgeworfen wird, dass sie nicht räuchern & nicht opfern & so die «Lust» & den «Gefallen für die Seele» der Opferer ins Zwielicht rücken, wird von innen das immer wieder aufflackernde Streben nach schneller Erregungsabfuhr im Opferritual in die Schranken gewiesen & damit unterstrichen, wie schwer die Überwindung des Opfers fällt. Niemals wird ja vorhergewusst, ob tatsächlich die Aggression zur Sorge um den Nächsten, zu kreativer Entäusserung & zu rätselzertrümmernder Wahrheitssuche sublimiert werden kann oder nicht doch in seelische Krankheit treibt, der heilbringendes Opfer zuvorkommen soll. Nur im Ergebnis weilt das Genie bei den Opferüberwindern. Der Weg dahin aber ist nicht ohne Gefahr des Falls in die Neurose zu begehen. Die ganze schöne – & für die anderen skandalöse – Auserwähltheit besteht also darin, aufs Opfer an Himmelskörper nicht zurückfallen zu dürfen, sondern allein Ihm zu dienen – wobei schon dieser Dienst an Ihm den halben Rückfall hinter die wissenschaftliche Götter- & Opferverwerfung bedeutet. Denn wer sich fürs Opferbedürfnis in erster Linie nur schämt & ihm klammheimlich doch frönen will, hat die Einsicht in die unausweichliche Mühsal der – immer von Verstimmungen bedrohten – Sublimierung nicht gewinnen können.

In der Judenfeindschaft äussern sich mithin Regungen, die allen Menschen eignen, weshalb ihre Beherrschung auch den verfolgten Juden selbst nur schwer gelingt. In einem jüdischen Leben aber, das solchem Gelingen nahekommt, wird auch den anderen Völkern gezeigt, dass sie selbst die Anrüchigkeit des Opfers hinter sich lassen könnten. Im antijüdischen Aggressionsausbruch mischt sich deshalb der Zorn darüber, dass die schlichte Existenz von Juden das Opfer als abseitig & rückständig erweist, mit der Bewunderung dafür, dass Völker ohne Opferkult zu leben vermögen, also zur «Nation von Philosophen» (Theophrastus) heranwachsen können.

Wie aber kommt es nun zur jüdischen Opferüberwindung der Nachbabylonzeit? Schliesslich gehorchen die Vorfahren aus Israel & Judah gewöhnlichen Priesterkönigen – Oberopferern also. Noch der König Manasseh von Judah (~691- bis ~638- XK) «richtet dem Baal Altäre auf und machte ein Bild der Aschera. Er baute allem Heer des Himmels Altäre. [...] und er liess seinen Sohn durchs Feuer gehen.» (2 Könige 21:3-6) & selbst der seit ~593- XK als Prophet auftretende Hesekiel, der mit nach Babylon ins Exil geht, erinnert eindringlich an die Praktiken der jüngsten Vergangenheit:

(Du) machtest dir Götzenbilder. [...] Ja, es kam dahin, [...] dass du deine Söhne und Töchter nahmst, die du mir geboren hattest, und opfertest sie ihnen zum Frass. War es denn noch nicht genug mit deiner Hurerei, dass du meine Kinder schlachtetest und liessest sie für die Götzen verbrennen? (Hesekiel 16:17-20) [24]

Derselbe Prophet erinnert daran, dass nicht allein kurze Zeit vor Byblon so gehandelt wurde, sondern schon seit Mose Menschenopfer an eine von der neuen monotheistischen Konzeption noch sehr unterschiedene Gottheit gingen:

Darum gab auch ich ihnen Gebote, die nicht gut waren, und Gesetze, durch die sie keine Leben haben konnten, und liess sie unrein werden durch ihre Opfer, als sie alle Erstgeburt durchs Feuer gehen liessen, damit ich Entsetzen über sie brachte und sie so erkennen mussten, dass ich der Herr bin. (Hesekiel 20:25-26) [25]

IV

Wie kommt es ursprünglich zum opferlichen Töten, aus dem heraus Menschen Götter erst kreieren? & warum kann es auch wieder unterbleibe, so dass Götter schliesslich vergehen? Die Entstehung des jüdischen Monotheismus kann offensichtlich nicht verstanden werden, ohne das Priesterkönigtum in Augenschein zu nehmen, das er zu überwinden trachtet. Bedauerlicherweise gilt der Wissenschaft aber auch die Entstehung des bronzezeitlichen Priester- & Königtums & – vor allem – seiner grossen Opferrituale als ganz & gar rätselhaft. Wir sind deshalb genötigt, wenigstens in knappen Umrissen die Theorie der Opfer der Bronzezeit vorzustellen.

«Zeitalter des Opfers» – nach einem des Goldes, einem der Weisheit & vor dem jetzigen der Zwietracht – nennt die Überlieferung der Hindu [26] diese Epoche, in die nach akademischer Konvention der Beginn der Hochkultur fällt. Es ist zugleich das Zeitalter, für das Aristoteles zivilisationsvernichtende periodische Katastrophen berichtet (Fragmente 18) & von der er noch weiss, «dass die Gestirne Götter sind» (Metaphysik 1074 b1).

Die vorherrschende Verlegenheit, Gründe für die Entstehung der Hochkultur bzw für die Vergottung von Himmelskörpern angeben zu können, rührt zum guten Teil daher, dass Religionswissenschaftler, Historiker & Archäologen ihre Funde nicht sonderlich effektiv untereinander bekanntmachen.

Vor allem die Ausgräber haben ja längst entdeckt, dass die Bronzezeit von nicht-enschengemachten Grosskatastrophen heimgesucht wurde, von denen fünf so gewaltig ausfielen, dass sie in sehr vielen antiken Siedlungen Zerstörungs-, Asche- &/oder Überflutungsschichten hinterlassen haben.

Im Jahre 1948 hatte Claude F. Schaeffer diese Katastrophen nach einem Vergleich der einschlägigen Schichten aus Hunderten von Ausgrabungsplätzen in den Zeitraum zwischen ~2300- & ~1200- XK datiert [27] . Er bediente sich dabei einer Chronologie, wie sie von Ägyptologen & Astronomen des 19. Jahrhunderts entworfen worden war. Ihre angeblich präzisen Grundannahmen sind im Jahre 1973 von einem – bis heute heftig befehdeten & mit Scharlatanerievorwürfen überzogenen – Aussenseiter als nicht haltbare Spekulationen erwiesen worden [28] . Im Jahre 1982 kommentiert der britische Astronom Archibald Roy diese Demontage der Lehrbücherchronologie: «Mir scheint, dass die klassische astronomische Chronologie auf sehr schwachen Fundamenten ruht» [29] . Auf dem 4. Internationalen Ägyptologenkongress 1985 in München hat schliesslich der Nestor dieses Faches – Wolfgang Helck – die Hinfälligkeit der weltweit zugrundegelegten Datierung des Altertums eingestanden:

Die Behandlung der Chronologie ist eindeutig in eine Krise geraten. Der Grund ist zT die Übernahme dogmatischer naturwissenschaftlicher Fakten, ohne dass dabei ihre Anwendbarkeit auf da ägyptische Material und die Tragfähigkeit dieses Materials geprüft wurde. [30]

Datiert man die fünf schwersten Katastrophen nach archäologischer Evidenz & nach nicht-ägyptologisch datierten Ereignissen, dann fallen sie ungefähr in die Jahre 1500-, 1450-, 1030, 850- & 750- XK [31] , wobei mit der Abschlusskatastrophe ein «ausgeprägter Klimaumschwung» [32] einhergeht. In der Geschichtsschreibung hat man sich inzwischen angewöhnt, die – noch traditionell datierten – Katastrophen als plausible Epochentrenner zu betrachten [33] . Ihre Ursache – Vulkane & gewöhnliche Erdbeben scheiden als zu wirkungslos aus – gelten aber weiterhin als rätselhaft & werden deshalb auch für religionstheoretische & politikwissenschaftliche Fragen nicht ins Auge gefasst: «In regelmässigen Abständen ereigneten sich Katastrophen, daher die fünf Schichten, die sich deutlich voneinander abgrenzen» & «archäologische Forschungen bringen Katastrophen ans Licht, können uns aber nicht sagen, was dazu geführt hatte oder wer beteiligt war» [34] – so der Senior der klassischen Altertumswissenschaften, Sir Moses Finley.

Die aus den Keilschriftarchiven des -7. & -6. XK-Jhs zutagegeförderten Überlieferungen hingegen verknüpfen die Katastrophen bzw ihre Verursacher sehr wohl mit der Entstehung von Tempel & Opfer. So sei das Priesterkönigtum im Mesopotamien entstanden, «nachdem die Flut darüber hinweggegangen war» [35] . Die damals am Himmel herrschende Istar/Inanna (Göttin des Venusplaneten bzw des Morgensterns) habe eine Flut erzeugt, wodurch das Priester-«Königtum von Himmel gekommen» [36] sei. Während die ersten Priesterkönige (oder die ersten Ritual- & Opferutensilien?) noch in Zelten eine Herberge gefunden hätten [37] , habe zu späterer Zeit in Uruk der Heros Gilgamesch einen mauerbewehrten Bezirk gebaut & darin der Flutsenderin Istar (bzw Inanna, Astarte, Aschera &c) einen Tempel errichtet [38] .

Die Keilschriftberichte über die Schaffung von Priestertum & Opfertempel nach einer der Venus zugeschriebenen Flutkatastrophe sind von den Archäologen eindrucksvoll bestätigt worden. Vor den ersten Hochkulturschichten finden sich Reste jungsteinzeitlicher Stammesdörfer. Diese werden von ausgedehnten «Zerstörungsschichten» [39] & «Überflutungshorizonten» [40] überlagert, die mit einem «Klimaumschwung» [41] einhergehen. Die Grabungen in Uruk, die «alle anderen Nachrichten aus Babylon in den Schatten stellen» [42] , haben als materiellen Beweis für den Beginn der Hochkultur die «erste Terrasse» des Inanna-Tempels & «Inanna-Symbole» [43] erbracht.

Die Überlieferungen vieler Völker wissen ja zu berichten, dass erst nach einer kosmisch bewirkten Flut Opfer, Gebet & Götter, das mit Tempeln ausgestattete – in der Steinzeit noch fehlende – Priestertum also, geschaffen werden. In Chaldäa ist Ziusudra der kühne Begründer dieser Neuerungen. Für Assyrien wird Utnapischtim genannt, für die Hebräer Noah. In Indien werden Opfer & Götter nach der Flut durch Manu in die Welt gesetzt, bei den Algonquin-Indianern Nordamerikas betet Nanaboush nach der Flut. Perseus, Deucalion, Megaros & Aiakos &c schreiten in den griechischen Sagen nach der Flut zum Opfer. Aber auch in der nach der Flut sich ereignenden Verwandlung der bescheidenen Hütte von Philemon & Baucis in einen Tempel erinnern die Griechen die Heraufkunft von Opfer & Priestertum nach einer überwältigenden Katastrophe. [44]

Kampf zweier Himmelskörper [hier gedeutet als „Zeus bekämpft den Typhon] – Verzierung eines Schildes aus Olympia ~580- XK]. Beide Himmelskörper erscheinen in der Anthropomorphisierung der Sage (& des Opferrituals) als katastrophenerzeugende «Götter», deren kosmischer Kampf auch als Duell zwischen Apollo & Python, Marduk & Tiamat, Drache gegen Drache (China) &c überliefert ist. Auch als die wilde Jagd auf eine gigantische Bestie oder als für einen Teilnehmer tödlich ausgehende Liebesaffäre wurde das kosmische Naturereignis gesehen. Zu Göttern werden beide Seiten. Je nach Blickwinkel gilt mal dieser, mal jener als Schutzpatron oder Herrin der Gemeinschaft.

Der Venusplanet – bei den mykenischen Griechen als Asasara [45] gefürchtet & angebetet – bewirkt nach den keilschriftlichen Überlieferungen nicht allein Überflutungen, sondern lässt überdies «den Himmel erzittern und die Erde beben», «schleudert seine Feuersbrände über das Land», «spaltet Berge» & «zertrampelt die Ungehorsamen wie ein wilder Stier» [46] . Die ägyptische Göttin des Venusplaneten Hathor kommt als löwenleibige Sachmet über die Welt «und in der Finsternis stampfte sie ihr Blut wie Maische» [47] . Neben dem Löwen wird ua auch die Himmelsschlange – beides kombiniert sich im Löwendrachen – zur bestiomorphen Verbildlichung der Katastrophenursache.

Löwenflankierte Säule vom Galgentypus mit zwei an ihrem Oberteil aufgehängten Tierköpfen [von einem mykenischen Goldring der Spätbronzezeit – Ashmolean Museum Oxford]. Die – bis heute als rätselhaft geltende – Heiligkeit von Säulen, Pfählen &c erwächst aus den Versöhnungsritualen, die vor – besiegte Himmelskörper darstellenden – Opfern vollzogen werden, nachdem sie in heilig=heilender Handlung getötet wurden. Die Bitten um Vergebung vor diesen gewissermassen schlachtfrischen Statuen verwandelt die während des Tier- oder Menschenopfers von unerträglicher Erregung freiwerdende Gemeinde in Anbeter. Dabei können sie gar nicht anders als auch die Säulen, Pfähle, Kreuze &c mitzuverehren, an welche die Getöteten gefesselt, gekettet, gehängt, genagelt oder sonstwie fixiert wurden.

Erst nach dem Rückgang des Menschenopfers seit dem Ende der Katastrophen kosmischen Ursprungs, von denen die Bronzezeit heimgesucht wurde, entstehen Statuen aus Holz, Ton, Metall oder Stein. Auch ihr Auftauchen in der Eisenzeit gilt bis heute als rätselhaft. Diese Statuen ersetzen jedoch lediglich die frisch getöteten & nun nicht mehr anfallenden Opfer, die immer noch Himmelskörper darstellen & vor denen immer noch Rituale zur Abfuhr von Schuldgefühl – woher immer dieses auch stamme – vollzogen werden. Damit ist ein Typus von Religion in der Welt, der zB im Christentum bis heute lebendig ist.

Mit den Nachweisen für Fluten, Zerstörungen & Klimaänderungen stellt sich die Frage nach den Reaktionen der Betroffenen. Was geschieht bei den überlebenden Menschen, die oft genug ihre verwüsteten Heimstätten zur «Völkerwanderung», die häufig ein Eroberungszug wird, verlassen müssen? Die nicht vor Furcht dahinschwinden, sondern diese in Wut zu wenden vermögen, bleiben gleichwohl ohnmächtig. Die sich nicht erstarrt vom Geschehen abwenden, verfallen in heillose, nichts bewirkende Flucht. Aus Zorn erwachsende Aktionen, die etwas wenden könnten, kann es nicht geben. Wie wild schreien die Menschen zum Himmel, drohen den Naturgewalten mit hochgereckten Fäusten [48] . Selbst in obszönen Entblössungen gen Firmament versuchen sie, ihrer masslosen Erregung Erleichterung zu schaffen [49] . Aber in all der Aussichtslosigkeit ihres Rasens gehen sie schliesslich auch gegeneinander los. Was die kosmische Gewalt dem Gemeinwesen noch lässt, droht in kollektivem Wahn zerstört zu werden. Ohne Lösung dieser traumatisch fortwirkenden Spannung, ohne Erlösung von der Furcht, ohne Rettung vor dem Massenwahn können sich die Gemeinwesen auch nach Abflauen der Katastrophen nicht wieder beruhigen. Die vorübergegangene & auch in Zukunft von neuem vom Himmel zu erwartende Zerstörung bleibt vollkommen ausserhalb des Bereichs menschlichen Handelns – geschweige denn Verhandelns. Gegen die in Panik zerreissenden Seelen & die sich gegenseitig angreifenden Menschen allerdings kann von Menschen etwas unternommen werden.

Wie die Kinder einen übergrossen Eindruck, dem sie nichts entgegenstellen können, im Spiel dadurch zu verarbeiten trachten, dass nun sie selbst die Situation noch einmal inszenieren, sich dabei aber zur ihrer Hauptfigur machen, so wachsen aus den terrorisierten Gemeinwesen Heroen hervor, die durch Einführung des Opfers den infantil regradierten Mitmenschen die heilenden Kräfte des Spiels erschliessen. Das sacrificium, ihre heilige Handlung, bedeutet also nichts anderes al das Heilende zu tun. Die therapeutischen «Erlöser» – & das wird ja als Messias Titel bereits der ersten Könige Israels & Judahs – können nun aber die opfermässige Bewältigung der überwältigenden Katastropheneindrücke nur um den Preis der Gotteserschaffung bewerkstelligen.

Die kühnen Kultstifter – & das ist die Definition des Heros – können der schreckensgelähmten Gemeinschaft Aktivität nur zurückgewinnen, indem sie zu heiligen Tötern werden, wofür sie mit Vergeltungsangst bezahlen müssen: Menschen & Tiere, die im grossen Opferspiel die gefährlich wilden Himmelsgewalten darstellen, zahlen für die seelische Wiederherstellung des Gemeinwesens mit ihrem Leben. Die den hingeschlachteten Mitspielern anschliessend entgegenschlagende schuldbewusste Abbitte durch die beim heiligen Töten ihr Trauma abstreifende Gemeinde verwandelt die von ihnen dargestellten Naturgewalten in Götter. Je nach lebender Gestalt der Opferwesen begegnen wir denn auch tier-, mensch- oder mischgestaltigen Göttern (= kostümierten Menschen & Tieren).

Wird die verrücktmachende Katastrophe als «Schlacht» zwischen kosmischen Mächten (Marduk gegen Tiamat, Zeus gegen Typhon, Apollo gegen Python &c) erlebt, so wird im heilenden Ritual diese «Schlacht» nachinszeniert. So liest man noch auf dem Bronzerelief eines in Assur ausgegrabenen Neujahrskultbaus des -7. XK-Jhs: «Die Figur des Assur, der gegen Tiamat in die Schlacht geht, ist Sennacherib» (= assyrischer König von ~704- bis ~681- XK). Der Heros & sein Opfer verkörpern hier also Naturgewalten, von denen die am Himmel «unterliegende» auch im Ritual den kürzeren zieht, also den Tod des Lebewesens bedeutet, das diese Naturgewalt zu spielen hat. Daraus wird verständlich, dass nicht nur die Opferlebewesen, sondern auch die kultstiftenden Heroen selbst mit Himmelskörpern – etwa Herakles mit Merkur – gleichgesetzt werden. In jedem Fall verwandelt sich die opfernde Gemeinde aus Entsetzensleidern der Katastrophe zu aktiven Wiederholern derselben. Dafür fällt jedem Gemeindemitglied das erneute Durchleben irgendeines Teils des Erlebnisses zu, wodurch die durch dasselbe gestaute Erregung zumindest teilweise abgeführt werden kann.

Die Erklärung des Opfers als heilungsorientiertes Nachspielen traumatisch erlebter Katastrophen liefert übrigens auch eine Erklärung der Kunstentstehung. Die Musik – durch Stimme & Instrumente – erwächst aus der Aufgabe, im Ritual die beängstigenden Geräusche der Katastrophe & der panisch agierenden Menschen gezielt zu wiederholen. Die Schauspielerei entspringt der Notwendigkeit, extreme menschliche Verhaltensweisen & beobachtete Naturgewalten darstellen zu müssen. Die Tänze – & übrigens auch der sportliche Wettkampf – müssen in Übereinstimmung mit der Schauspielerei zur angegebenen Opferstunde aufgeführt werden & dafür auf geplante Weise vorbereitet sein. Die bildende Kunst schliesslich entsteht für die Erarbeitung von Kostümen & Masken, in denen Menschen oder Tiere die anorganischen Naturgewalten darstellen.

Erst im Opfer scheiden sich «Götter und sterbliche Menschen» [50] , weiss noch Hesiod & gibt damit bis heute Rätsel auf. Auch die ägyptische Himmelslöwin Sachmet, die das Menschenblut wie Maische stampft, wird durch ihr katastrophisch-traumatisches Töten Anlass des Menschenopfers: «Und es sprach die Majestät dieses Gottes: "Eure Sünden seien euch vergeben! Denn die Schlachtopfer haben beseitigt die Hinschlachtung". – Dies ist der Ursprung der Hinschlachtung von Schlachtopfern.» [51] .

Ein Heros bzw Messias & beruhigender heiliger Blutvergiesser heisst häufig «Sohn Gottes» (etwa Psalmen 2:7 & 110:3 oder 1 Chronik 17:13). Er kann sich so nennen, weil er im Vergebungshandeln gegenüber den heiligen Getöteten – & hier kommen die psychoanalytischen Einsichten zu ihrem Recht – bei der Abbitte gar nicht anders kann, als in sich das hilflos-aggressive Kind zu aktivieren, das für Hass oder gar Angriff auf die Eltern Rache fürchtet & darob Wut nach innen richtet, also dem Schuldgefühl anheimfallen muss. In seinen seelischen Reaktionsmöglichkeiten ist selbstredend auch beim kultstiftenden Heros das Kind der Vater des Mannes.

Die Spannungslösung bescherenden Priester gelten als heroische Gottessöhne aber nicht allein deshalb, weil sie Rituale schaffen, in denen diffuse Erregung sich strukturiert & die Gemeinwesen Stabilität erlangen, sondern auch deshalb, weil das erlösende Schlachten ursprünglich nicht ganz ungefährlich ist. Der die rasende Naturgewalt verkörpernde Mitspieler, der in der heiligen Inszenierung unterliegen muss, um die Gemeinschaft aus dem passiven Erleiden der furchtbaren Realität herauszuführen, ist nicht leicht zu besiegen, da er nur in Grenzen entschlossen mitspielt. Die ersten Kultstifter – später wohl gibt es Erziehung & Training der Opfer – überschreiten diese Grenze durch Tötung des Partners & machen erst dadurch das Spiel ganz zur Opferhandlung. Auch dort, wo tatsächlich ein wildes Tier – das als erst einzufangendes wichtige Mythenstoffe liefert – die Naturgewalt gibt, steht des Kultstifters herausragende Kühnheit ausser Frage. [52]

Vor allem jedoch die unausweichliche Übernahme des Schuldgefühls für den Tötungsakt erhöht die heroischen Priester über die Gemeinschaft. Deshalb nehmen sie zumindest in den Sagen auch ein schlimmes Ende. In der Erinnerung an ihre kühne Tat darf die Strafe für ebendiese nicht fehlen. Der grösste aller Kultstifter im antiken Sagenkreis – Herakles also – stirbt selbst wie ein Opfer, verbrennt sich auf dem Scheiterhaufen. & indem der Priester als Strafe erleidet, was er den Opfern tat, verdeutlicht sich aus anderem Blickwinkel die Erschaffung der Götter aus dem Schuldgefühl für die Tötung von – Naturgewalten darstellenden – Menschen: Herakles wird nach dem Brandopfer seiner selbst ebenfalls ein Gestirnsgott (Hesiod Frauenkatalog Fragment 25 M. W. 27-28).

Gott & Opfer sind keineswegs identisch, wie viele Autoren immer wieder vermuten, aber ohne Schuldgefühl erweckende Opfertötung kann die vom Opfer repräsentierte kosmische Gewalt nicht Gott werden. Jedes Menschenopfer ist Gottesmord nur insofern, als erst durch diesen Mord die vergeltungsangstgeprägte Abbittehaltung des Gläubigen zustandekommt. Noch die Götterstatuen in Menschengestalt, die nach dem Ende der Bronzezeitkatastrophen & des regelmässigen Menschenopfers die für Wiedergutmachungsrituale ausgestellten Leichname ersetzen (su), verdeeutlichen die Verbindung von Menschenopfer & Göttererschaffung. [Ein spätes Produkt dieser über die Mythen vermittelten Bronzezeitpraktiken wird der zur Anbetung zurechtgemachte Jesuskörper – der «erhöhte Menschensohn» (Johannes Ev. 3:14)].

Indem der heroische Priester fürs heilende Töten die Schuld übernimmt – wirklicher Heiland wird –, gerät die so von unerträglichen Spannungen befreite – also wirklich erlöste – Gemeinschaft in seine Schuld. Diese abtragend, dh Abgaben & Geschenke zum Tempel tragend, begründen die Gemeinden das frühe Priestertum, das weitgehend ohne innergesellschaftliche Gewalt auszukommen scheint. Damit beginnt die Hochkultur der Bronzezeit: Der mesopotamische En ist ebenso Opferpriester [53] wie der mykenische Basileus [54] & der altisraelitische Richter, der bereits den Messias (=  Erlöser)-Titel trägt [55] .

Die noch königlose Priesterdominanz lebt von einer hohen Legitimation, in der allerdings Abstufungen auftreten. Der für die Gemeinschaft heilig tötende & dafür psychisch & körperlich büssende Priester verfügt über eine unstrittigere Anerkennung als der für die Vorbereitung & Durchführung der Opferrituale & ihrer Lokalitäten entstehende Verwaltungsapparat, der miternährt wird, ohne die Bürde des Schuld auf sich ladenden Priesters auf gleiche Weise tragen zu müssen. Die Spitzenkader der Tempelverwaltung (en si im Unterschied zum Priester en auf Chaldäisch) gehören deshalb zu den ersten Anwärtern für die Aufrichtung einer monarchischen Diktatur. Dasselbe gilt für die Offizieren der Tempelwachen, die nicht mehr wie in der Steinzeit allein für die jeweilige Notlage als militärische Häuptlinge gewählt & dann wieder gewöhnliche Stammesgenossen werden, sondern für die – fremde Begehrlichkeit weckende – neue Dauerinstanz Tempel ebenfalls permanent im Amt bleiben. Solange jedoch die Legitimation des Priesters unerschüttert ist, können auch Verwaltung & Militär ohne besondere Nachhilfen auf Mitversorgung rechnen.

Die Legitimation der Priester zerbricht mit dem Auftreten eines neuen Katastrophenbringers, also eines ganz anders gestalteten kosmischen Vorgangs, der die Menschen nunmehr in Atem hält, gleichwohl aber geringeren Schrecken zu verbreiten scheint als die zuvor im Zentrum stehende Istar. Am Beginn der Königsherrschaft in Israel etwa – & nach der vorliegend vertretenen Chronologie zum gleichen Zeitpunkt in Ägypten & Mesopotamien, also im -11. XK-Jh – passiert etwas mit Istar/Inanna/Venusplanet. Ihre Kulte werden bekämpft & – wenn nicht gar beseitigt – so doch durch andere ergänzt. Ein neuer Himmelskörper rückt in den Mittelpunkt mit nicht minder neuartigen Kulten – Ganzbrand- (Holokaust-) statt Schlachtopfer. Er wird Thot, Nabu, Maleach Jahwe, Hermes oder Merkur genannt. Die Legitimation der Istarpriester wird durch die neuen Vorgänge erschüttert. Die Abgaben für die Kultabwicklung werden teilweise oder ganz verweigert. Mit dem Sturz oder der Schwächung dieser Priester geraten auch die von ihrer Legitimation abhängigen Tempelverwaltungen & Wachmannschaften ins Wanken. Konkurrierende Kulte & neue Priesterschaften drohen die Gemeinden der frühen Hochkultur zu zerreissen. In dieser Situation entschliessen sich die in der Verwaltung & Beschützung einer Abgabenwirtschaft versierten, aber kultisch nicht sonderlich engagierten Kader zum Putsch, bei dem kaltblütige Priester selbstredend nicht ausgeschlossen sein müssen.

Aus ihren Reihen erwachsen die ersten Könige, die über allen Tempeln stehen & nicht mehr durch einen einzigen & besonderen ihre Legitimation erhalten [56] . «Da wagte ich's und opferte Brandopfer» (1 Samuel 13:12) sagt – Israels erster König – Saul, der es nicht nur mit dem Verursacher der dritten von fünf grossen Katastrophenschichten ~1030- XK – nach Schaeffers Einteilung – zu tun bekommt, sondern auch die daran sich entzündende Vorteilssuche der Philister zu brechen vermag. Ein neuer Kult in Form des Brandopfers wird also am Beginn auch des israelitischen Königtums gefunden [57] & vom «Engel Jahwes» (Richter 6:11 & 21) gestiftet, der wiederum dem geflügelten Zeusboten Hermes aus der griechischen Olympierschaft ähnelt, den wir auch als Schreckenserfinder Pan überliefert finden. Hermes gilt ebenfalls als Opferstifter [58] – eben des Holokaust. Bis zur vierten Katastrophenschicht in Schaeffers Chronologie (~850- XK) dominiert das himmlische Kind des Zeus, die jünglingshafte Gottheit.

Sie drängt die Venusplanetengötter & -göttinnen zurück. Durch jenen «Engel des Herrn» kommt nämlich das bis dahin von den Israeliten frequentierte Aschera-Heiligtum zu Fall. Die «Ephod»-Roben – das sind Anat=Venus-Priesterkleider – verschwinden [59] . Hanevim – Nabu=Merkur-Personal [60] – kommen im Tempel der ersten Könige Israels zum Zuge. Salomon ist dann aber schon der klassische Typ von König, der konkurrierende Kulte zusammen hält, also über ihnen thront. Nach der Mitte des -9. XK-Jhs – die Völker sprechen von der Rückkehr Inannas aus der Unterwelt & der Wiedereinnahme ihrer Tempel [61] – erlangt die israelische Aschera dann von neuem schrecklich-strahlende Prominenz als Gattin des zeusgleichen Jahwe [62] . Erst nach der letzten Grosskatastrophe der Bronzezeit, die als «Sturz» des Venusplaneten – «Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern» (Jesaja 14:12) – überliefert wird, beginnt die Demontage der Aschera-Opfer. Die Verehrung eines konkurrenzlosen zeus=jupiter- bzw jovegleichen Jahwe breitet sich aus [63] . Er ist noch Planet & hat mit dem nachbabylonischen Jahwe – ein dann ohnehin selten benutzter Name – nur die Bezeichnung gemeinsam.

Das priesterliche Opfer der Bronzezeit – so kann resümiert werden – antwortet auf Grosskatastrophen, welche die gegenwärtige Forschung lediglich als «Zerstörungsschichten» & «Epochenteiler» begreift, von den alten Völkern aber erratischen Planeten zugeordnet werden. Das spätere Priester-Königtum – die monarchische erste Feudalherrschaft der Geschichte – fügt den Schreckbewältigungsopfern Ausbeutung hinzu, seine Handlungsweise bliebe aber als bloss abgekartete Aktion einer schlauen Aristokratie unverständlich. Die nun konkurrierenden & mit den Königen teilenden Tempel – oft errichtet bei «vom Himmel gefallenen» [64] Steinen («Säulen», «Altären») – erhalten die bäuerlichen Abgaben nicht ohne legitimierende Gegenleistung: Heilung bzw Erlösung durch Abfuhr panischer Wut in opferlicher Aggression, durch ritualisierten Kampf gegen die Darsteller der angstmachenden Naturgewalten. Die Schuld für das rituelle Töten von Menschen & Tieren übernehmen die Priester, denen sie keiner mehr abnehmen kann. Selbstgeisselungen & asketische Verzichtbussen bis hin zur Selbstkastration [65] werden deshalb priesterliche Selbstentschuldungstechniken fürs heilig-therapeutische Schlachten.

Die Priester legitimieren sich aber nicht allein durch messianische Schuldübernahme, sondern liefern zwischen den Katastrophen ihre zweite begehrte Leistung: die Orakel. Wann wird es wieder passieren, fragen die furchtsamen Menschen, & die besten Propheten – astronomische Prognostiker – kennen die genauesten Antworten. Selbst ein Messias wie Ahasja von Israel vertraut vor einer grossen Gefahr während seiner Amtszeit (~852- bis ~851- XK) fremden Spezialisten (2 Könige 1:2) mehr als den eigenen Propheten, deren Stern gerade stürzt.

Der seelische Frieden bringenden Opfer wegen, für die in der Bronzezeit immer wieder – die Menschen in lähmende Passivität stossende – Katastrophenanlässe eintreten, wird das feudale Priesterkönigtum nicht nur ertragen, sondern als echte Heilsvoraussetzung auch verteidigt. Die Bedrängung durch Abgaben wird gewiss verspürt, aber dass eine Gegenleistung gänzlich fehle, wird keineswegs geglaubt. Das alles wird entschieden anders, nachdem die gewaltigen Katastrophen im zweiten Drittel des -1. XK-Jts vom «himmlischen Frieden» abgelöst werden.

V

Die nachhaltigste Revolution nach der letzten Katastrophe erfolgt in Athen: Die Jünglinge & Jungfrauen werden nicht mehr zum zentralen mykenischen Menschenopferkultplatz nach Kreta geschickt. & mit den katastrophisch «zerschmetterten Palästen und Festungen [...] verschwindet auch die spezifische pyramidenförmige Sozialstruktur» [66] . Die Priester werden «den anderen Bürgern gleichgestellt» (Plutarch Theseus Kap 25). Die Güter der Priesterkönige werden aufgeteilt. Das Privateigentum hat darin seinen Beginn & zieht die revolutionären Neuerungen des Zinses & des Geldes nach sich [67] .

Die wirtschaftlich entmachteten sakralen Führer heissen immer noch Basileus, sind aber keine heroischen heiligen Töter mehr: «Gemeinsam und auf gleicher Ebene stehen die Menschen um den Altar» [68] . Die Naturgewalten des Himmels sind nicht mehr überwältigend schrecklich. Im Opferritual wird jetzt betrogen, die Katastrophenangst lähmt nicht mehr, sondern wird verdrängbar.

Statuen beginnen nun die geopferten Lebewesen zu ersetzen. Gleichwohl gilt ihre Entstehung aus den «Vorstufen» von Säule, Planke oder Pfahl immer noch als höchst rätselhaft. Dabei tragen ihre frühesten Exemplare sogar noch die Fesseln eingeschnitzt oder eingemeisselt [69] , mit denen die Opfer an Pfählen oder Bäumen befestigt wurden, damit vor ihnen die Wiedergutmachungsrituale der schuldbewussten Opferer vollzogen werden konnten. Die Statuen jener Zeit waren also gewissermassen schlachtfrisch. & sie waren Götterstatuen dadurch, dass die Toten an den Bäumen Naturgewalten gespielt hatten. Die Heiligung der Pfähle oder Säulen erfolgte gewissermassen automatisch, da die zu versöhnenden Toten bzw ihre Haut oder auch nur ihr Kostüm mit ihren Fixierungsstützen innig verbunden waren. Erst nach Überwindung der regelmässigen Tötungsopfer entsteht also der Bedarf nach haltbaren Statuen. Vor diesen werden nun Rituale der Schuldgefühlsabfuhr durch solche Menschen vollzogen, die von der gewohnten Spannungsabfuhr nicht lassen können. Bei Gelegenheit werden selbst Opfertötungen vor Statuen vollzogen. Diese Regression – die Verdoppelung der versteinerten durch frische Opfer - haben zu der Schwierigkeit beigetragen, die Entstehung der Götterbilder, die bereits ein Stück Sublimierung verkörpern, zu verstehen. Wird vor Göttern geopfert oder werden die Götter geopfert?, fragen deshalb die gebildeten Fachleute in ganz ungebrochener Ratlosigkeit.

Die Katastrophenprognose der bronzezeitlichen Orakel wird zur Astrologie transformiert, die sich bis heute nicht nur grosser Beliebtheit erfreut, sondern auf verzerrte Weise auch eine Erinnerung an die Zeit festhält, als wirklich vom Himmel massiv in menschliche Geschicke eingewirkt wurde.

Die Religion verschwindet mithin kaum. Rein medizinische & psychotherapeutische Heiler fürs gewöhnliche Leiden & die Trauer- & Versöhnungsarbeit gegenüber Getöteten & Verstorbenen, mit der die Jungsteinzeit auskam, werden – auf nun ständig verbessertem Niveau – nur für wenige wissenschaftlich Gebildete zu einer Option.

Über den Mythos, der die Katastrophen erinnert & vorrangiges Erziehungsmittel wird, erhält die Allgemeinheit jetzt aber von klein auf eine katastrophische Geistesprägung, die eine rationale Weltorientierung nach innen & aussen enorm erschwert. Die gewöhnlichen Ängste aus Kindheit & Normalkonflikten gelangen in einer katastrophischen Sprache zum Ausdruck, die zwar Allegorie ist, aber doch viel zu gross für die kleinen Leiden ausfällt. Bewährungs- & Leidensgeschichten von Helden, die Grosskatastrophen gegenüberstanden, werden zu Einkleidungsformen der Tagesängste vor Vater & Mutter, schlechter Ernte oder hohen Zinsen, Gefahren bei der Geburt & Sorgen vor Dahingegangenen, denen man nicht nur wohlgesinnt war. Die geistige Prägung durch die Mythen lässt eine Fortsetzung der Anbetung von Planeten, an deren Kultbildern sich jetzt die besten Künstler versuchen, nicht durchweg als absurd erscheinen. Das Tieropfer & das bei Kriegs- & Ernteschwierigkeiten auch wieder aufflackernde Menschenopfer der Eisenzeit beerbt also mit der Bronzezeit eine Epoche, aus deren Prägung sie nicht wirklich entlassen wird.

Reformen, die nach ~750- XK Tiglat-Pileser in Assyrien, Nabonassar in Chaldäa & Hiskia in Judah durchführen, werden nicht so erfolgreich wie diejenigen des Atheners Theseus. Zwar beginnen auch in Assyrien & Babylon geldwirtschaftliche Blütezeiten, aber die Entmachtung des Priesterkönigtums geht viel weniger weit & die Leibeigenschaft verschwindet keineswegs. Priesterliche Ausbeutungsinteressen treten nun in den Vordergrund. Die schlichte Ausnutzung der Gemeinden kann nicht ausbleiben. Das ehemalige Angebot, nach entsetzlichen Katastrophen wieder seelische Ruhe zu finden, wird in die Androhung von Katastrophen gewendet, die denjenigen treffen sollen, der dem priesterlichen Herrn nichts liefert. (Im Extrem der präkolumbianischen mittelamerikanischen Kulturen wird aus dem Menschenopfer für die Verängstigten nicht selten eine schlichte Todesstrafe für die zu Mutigen.) Mit Gewalt werden die Menschen beim Ritual gehalten, & unter solchen Gewalthabern wird die Konkurrenz um fromme Abgaben entschieden ausgetragen. Im Königreich Judah geht dabei König Josia (~639- bis ~606- XK) am weitesten. Ihm gelingt die Kultmonopolisierung für den Jupiter=Jahwe in Jerusalem. Das Kindesopfer an Baal-Aschera-Kombinationen wird entschieden bekämpft – fast gleichzeitig mit Menschenopferbeseitigung in Ägypten unter Amasis. Das Tieropfer wird in Jerusalem konzentriert & eine grosse Zahl konkurrierender Priester umgebracht (2 Chronik 34:5).

Nun aber widerfährt der konsolidierten & durchaus noch sehr priesterfeudalistisch strukturierten Aristokratie des Königreiches Judah durch einen noch mächtigeren Herrn die Verschleppung nach Babylon (~597- bis ~586- XK). Nebukadnezars Gewaltakt gegen die oberen Zehntausend Judahs wird zur besonderen Bedingung – neben dem Katastrophenende, das für alle Völker gilt – für die Herausbildung des jüdischen Monotheismus. Ein Adel ohne ausbeutbare Bauern, aber ausgestattet mit einer erstklassigen Erziehung & genötigt, sich nach der Verschleppung dagegen zu verwahren, unter Verabreichung frommer Sprüche & katastrophischer Drohungen jetzt seinerseits ausgebeutet zu werden, verfügt über die geistigen Voraussetzungen für den nächsten Schritt: Eine gewissermassen freischwebende Intelligenz schreitet zur Abschaffung der Götterstatuenanbetung & -versorgung & damit von Gottesdienst überhaupt.

Hohe Bildung & äusserst geringe Aussichten, über priesterliche Volksverängstigung Einkommen zu erlangen, treiben Opfer- & damit Götterbeseitigung voran. Astronomische Beobachtungen werden dabei eine wichtige Waffe. Die einstmals Schrecken verbreitenden Planeten werden über lange Zeiträume hinweg minutiös beobachtet. Nabu (Merkur) & Istar (Venus) erweisen sich als unerratisch umlaufende Himmelskörper, eine Beobachtung, die im Hexagramm für ersteren & im Pentagramm für letztere die bis heute berühmten astronomischen Kürzel & Meisterwerke der babylonischen Wissenschaft hervorbringt [70] . Diese allerdings sind längst selber zu magischen Symbolen herabgesunken.

Panikerregende Katastrophen werden nun ausbleiben, lautet die Botschaft an die vor Nabu- & Istarstatuen niederfallenden oder opfernden Zeitgenossen.

In den Abrahamlegenden hat diese Botschaft wiederum ihren volkstümlichen Ausdruck gefunden:

Das sagte Abraham zu Thara, seinem Vater [...]: Was für Hilfe und Vorteil (kommt) uns von diesen Götzen, die du verehrst und vor denen du niederfällst? Denn in ihnen ist kein Geist, sondern sie sind stumm und eine Verirrung [...]. Sie sind der Hände Werk, auf eurer Schulter tragt ihr sie. [71]

Der Vater hingegen gemahnt den sagenhaften Monotheismuserfinder an die Gefahren, die er – & seine Nachfolger – bestehen müssen:

Auch ich weiss, mein Sohn; aber was soll ich (mit) dem Volke machen, das mich gezwungen hat, vor ihnen zu dienen? Und wenn ich ihnen die Wahrheit sage, so töten sie mich. Denn ihre Seele folgt ihnen, dass sie sie verehren und preisen; schweig mein Sohn, damit sie dich nicht töten.» [72]

Anlässe für Erregung gibt es schliesslich immer noch. Sie verbleiben jedoch prinzipiell im Bereich menschlicher Handlungsmöglichkeiten – mit Versöhnung & sinnvoller Flucht als ihren Eckpunkten. Ängstliche Zeitgenossen, die unter Armutsbedingungen oft genug den Normalfall bilden oder als Bauern zwar nicht mehr kosmischen Katastrophen, aber doch immer noch Ernteschwierigkeiten ausgesetzt sind, kommen vom spannungslösenden Ritual am schwersten los. & diese Menschen stellen auch im – von seiner angestammten Oberschicht entblössten – Gebiet Judahs die Bevölkerungsmehrheit. Ihr von der babylonischen Wende unberührt gebliebener Planetenkult [73] & das Wiederaufleben feudaler Ausbeutungsinteressen der nach Jerusalem zurückkehrenden Exilanten [74] gehen nun nach Beendigung der babylonischen Gefangenschaft jenen merkwürdigen Kompromiss ein, der als jüdischer Monotheismus uns hier deshalb zu beschäftigen hat, weil seine Elemente – Sabbatheiligung, Beschneidung der männlichen Säuglinge, Kindestötungsverbot & unsichtbar-allmächtige Gottheit – immer noch als unerklärt gelten. [75]

VI

Die Bestandteile des Monotheismuskompromisses, welche die gegensätzlichen Ausgangsstandpunkte zwar verzerren, dadurch für die Nachwelt aber auch festhalten, verraten am meisten über die geistige Revolution zu Babylon. Doch auch die Verbitterung über den Neubeginn von Tempel & Tieropfer in Jerusalem (aus Jesaja 66:1-4) überliefert die Position der wissenschaftlich begründeten Religionsüberwindung, die im Judentum zwar nicht gänzlich siegt, aber von Beginn an dem Monotheismus jene Komponente liefert, die ihn seit zweieinhalb Jahrtausenden lebendig hält. Wie lösen sich nun die rätselhaften «Gebräuche» (Sibyllinen II, 271) des nachbabylonischen Judentums auf? [76]

Für den Tag des Jahwe (oder Baal &c), an dem ihm &/oder seiner Partnerin Aschera Kinder verbrannt wurden, was allerdings bereits seit der Josiareform ~615- XK illegal war, wird nun jede Aktivität unter Verbot gestellt, die für die Fortsetzung des Opfers genutzt werden könnte. Insbesondere Schlachten, Feuer anzünden (2 Mose 35:3), Kochen (2 Mose 16:23) & Entfernen ausser Sichtweite der Siedlung (2 Mose 16:29) – etwa um Höhenheiligtümern als den bisherigen Opferplätzen zuzustreben – werden tabu. Dies verwandelt den Tag des überwundenen Blutrituals unausweichlich in den geheiligten Sabbat der monotheistischen Epoche. Das Sprichwort «Eher hat der Sabbat Israel erhalten, als dass Israel den Sabbat gehalten hat», könnte denn auch gelesen werden: Obwohl es individuellen Juden immer wieder schwer gefallen ist, auf die Entspannungen des überkommenen Opferrituals zu verzichten, hat doch die Forderung, sich vom Opfern freizumachen, das Judentum über die Zeitläufe gebracht. Gegen die schnelle Abfuhr von Aggression im Opferakt der übrigen Völker sollte das Judentum ihre Sublimierung zur Versöhnung leisten: «Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht» (Jesaja 1:17) oder «Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach» (Amos 5:24), werden Formeln dieser Aufgabe.

Der achte Lebenstag (1 Mose 17:10-14) der bis dahin geopferten Kinder erscheint in der Beschneidung aller Söhne wieder, lebt aber als Opfertag für Lämmer & Zicklein (2 Mose 11:28ff) fort. Auch hier wird den babylonischen Radikalen von den Verfechtern der Opferbeibehaltung ein mittlerer Weg abgerungen. In der zweiten – nicht mit Abraham verknüpften – biblischen Geschichte einer Erstbeschneidung, in der Zippora ihrem von Moses empfangenen Sohn die Vorhaut nimmt, um sein Leben, das – wie Hyam Maccoby in The Sacred Executioner (Anm 89, 82 & 87ff) gezeigt hat – der Vater opfern will, zu retten, wird der Kompromisscharakter des Rituals nicht weniger deutlich. Allerdings sind die Passagen aus 2 Mose 24ff während der nachbabylonischen Zeit, in der das Menschenopfer der alten Hebräer überwunden & diese Überwindung einem vor Moses geschobenen Abraham zugewiesen worden war, einer kürzenden & ändernden Redaktion unterzogen worden. Moses durfte nun kein heiliger Töter mehr sein, weshalb die Redakteure sein steinernes Opfermesser in Zipporas Hand wandern & die – in Wirklichkeit erst tausend Jahre später zustandegekommene – Kompromissbildung der Beschneidung vollziehen lassen:

Unterwegs aber, bei einer Nachtrast, stiess Jahwe auf ihn und wollte ihn töten. Da nahm Zippora einen scharfen Stein, schnitt damit die Vorhaut ihres Sohnes ab und berührte damit seine Scham und sagte: Ein Blutbräutigam bist du mir! Da liess er von ihm ab (2 Mose 24-26, Kautzsch-Übersetzung).

Die Verstümmelung des ursprünglichen Textes hat nun die heroische bzw priesterliche Leistung des Moses beinah vollkommen unkenntlich gemacht. Der im Text noch verbliebene & als besonders dunkel geltende Satz «Jahwe wollte ihn (den Moses) töten» bereitet nach der oben vorgenommenen Erklärung des Opfers jedoch keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr: Unter dem Eindruck einer die Menschen mit dem Tode bedrohenden & in panischen Schrecken versetzenden nächtlichen Naturerscheinung erfindet – bzw wiederholt – ein Aussergewöhnlicher unter den Betroffenen das kollektive Erregungsabfuhr ermöglichende Menschenopfer. Beim Kindesopfer, das nach der Mitte des -9. XK-Jhs, nach der vorletzten Katastrophenschicht also, häufig wird, stellt sich natürlich sofort die Frage, ob es nicht 'vorgeformt' ist durch ein ganz spezifisches kosmisches Ereignis mit erschreckenden Auswirkungen auf die Menschen, das in anthropomorphisierender Sicht wie die Tötung eines geliebten jungen Gestirns – Dumusi/Tammuz/Attis/Adonis/Dionys &c – bzw das Verbrennen des himmlischen Kindes erschien.

Zu den besonderen jüdischen Bräuchen gehört auch das strenge Verbot der Kindestötung, das bereits im Altertum – etwa bei Hekatäus von Abdera (~300- XK) oder bei Tacitus (56-120 XK) – so grosse Bewunderung erregt & zum Kern des Rechts auf Leben als dem höchsten der Menschenrechte heranwächst. Es wird ebenfalls als Widerstand gegen immer noch zum Kinderopfer Strebende gerichtet.

Schliesslich wird gar der zeitlosen, gestaltlosen & alles durchdringenden Kraft der exilischen Astrophysiker, mit der doch allem Tempelopfer der Garaus gemacht werden sollte, in Jerusalem ein neues Heiligtum mit feudal privilegierten Priestern & täglichen Tieropfern geweiht. Gleichwohl nimmt die monotheistische Gottheit nicht die Gestalt von Menschen oder Tieren an, so dass die Tempelopfer gleichsam abgetrennt vom «Herrn» vollzogen werden. Nur wo im Opfer die Schlacht der in Wirklichkeit triumphierenden kosmischen Gewalten dergestalt ritualisiert wird, dass die sie darstellenden Menschen oder Tiere ihr Leben verlieren, gelangen ja die – so Schuld abbüssenden – heiligen Töter zur Anbetung menschen- oder tierförmiger Götter.

Es steht hier zu vermuten, dass auch im Verbot der – etwa Jesaja 29:4 & 1 Samuel 28:7f erwähnten – Totenbeschwörung eine Vorsichtsmassnahme gegen das Wiederaufleben des Opfers vom kosmischen Kampftyp zum Ausdruck kommt. Die auch vorbronzezeitlich schon geübte Praxis der Totenversöhnung hatte ja in das grosse bronzezeitliche Ritual als Schlussteil – die Versöhnung des hingeschlachteten Opfers – Eingang gefunden, allerdings dabei eine von persönlichen Ahnen abgetrennte Umformung erfahren. Im Kampf gegen das einst kosmisch induzierte Blutspektakel wird nun also bereits das blosse Rekurrieren auf zeremonielle Kommunikation mit Verstorbenen als der Zünder verdächtigt, der das gerade zu überwindende Ritual wieder hell emporlodern lassen könnte.

Erst nach der römischen Tempelzerstörung im Jahre 70 XK jedoch werden alle – also auch die Jerusalemer – Juden des antiken Kulturkreises als Menschen angetroffen, die nicht opfern, mit Exklusivweihen versehene Priester nicht zu fürchten haben, der allgemeinen Zugänglichkeit entzogene heilige Kulträume nicht kennen & die für die – auch sei immer drangsalierende – Suche nach Erregungsabfuhr von klein auf stärker als die übrigen Völker zu Sublimierung & Vernunftgebrauch angehalten werden. Darüberhinaus sind sie mit dem Opfer auch seiner orgiastischen Bestandteile bzw der sog Tempelprostitution (etwa 1 Könige 14:24; 15:12) verlustig gegangen & müssen den weiterhin opfernden Zeitgenossen als eher prüde erscheinen. In ihren Versammlungsräumen – den Synagogen – kommen sie wie in Seminaren oder Akademien zu Studium & Debatte von Geschichte & Gesetz zusammen. Sie können dabei einen Lehrer (Rabbi) hinzuziehen, im Zentrum aber bleibt das Studium ganz & gar ungeheimer Bücher.

Schon das Beten in der Synagoge gehört ihr nicht konstitutiv an, sondern steht – wie der gesamte monotheistische Kompromiss – für ein weiteres Relikt der Bronzezeitrituale, zu denen eben auch die gen Himmel gereckten Arme gehören. Zu solchen Relikten zählt selbstredend auch die Messiassehnsucht, die aber mehr bedeutet als die Hoffnung auf Wiederkehr eines strahlenden & allseits gefürchteten Königs. Die Messiassehnsucht ist zugleich das Barmen nach den Erleichterungen, die von den heiligen Tötungsritualen ausgingen, in denen das für die Aggressionsabfuhr umgehend aufkommende Schuldgefühl vom oberpriesterlichen König & Gottessohn übernommen wurde. Politisch reaktionäre Visionen ebenso wie die Wünsche nach psychischer Entbindung von der jüdischen Vernunftforderung halten die Messiaserwartungen nicht in der breitn Mitte des Judentums, aber doch an seinen Rändern immer lebendig.

Die Messiassehnsucht verbindet sich mit den apokalyptischen Geschichten & Pseudoprophezeiungen, die bis heute ebenfalls als noch ganz unbegreifbare Bildungen der Nachbabylonzeit gelten [77] . Sie besagen aber nur, dass an das wirkliche Ende der Bronzezeitkatastrophen nicht geglaubt & ein Wiederaufstieg des bei Jesaja (14:12) doch längst gestürzten Morgensterns für sicher gehalten wird. Ein Neuangriff von Himmelskörpern werde auch den erlösenden Opferkönig wieder in sein Reicht setzen, so dass Apokalyptik & Messianismus sehr konsequent beieinander leben.

Das heidnische Herbäertum der Vorbabylonzeit, das in den apokalyptischen Zirkel überdauert, aber marginal, ja abseitig bleibt, erlebt erst das Christentum, das vom sohnesrettenden auf einen sohnesopfernden Gott zurückfällt, eine wirkliche Blüte. & auch die Judenfeindschaft, die bei Venus, Mars oder Jupiter anbetenden, anräuchernden & anopfernden Chaldäern, Griechen & Römern bereits deutlich ausgedrückt wird, findet erst im apokalyptischen Christentum seine bis heute geschichtsmächtigste Formation, ist dort umgehend «offen verhandelte Gegnerschaft der Synagoge» [78] . Der Hass der Bewegung, aus der Jesus kommt, auf das als «Otterngezücht» (Matthäus 3:7) gegeisselte Pharisäertum richtet sich mithin nicht allein gegen die demokratisch-antipriesterliche bzw antisadduzäische Haltung der Synagogenjuden, sondern auch gegen ihre ganz unapokalyptische Weltanschauung, die sie mit den aristokratischen Priestern sogar gemeinsam haben. Die Pharisäer sind nicht bereit, an eine Grosskatastrophe als nahe bevorstehendes furchtbares Gottesgericht zu glauben. Perusim (Dissidenten) heissen sie den Apokalyptikern gerade, weil sie nicht in «akkut-messianischer» Hoffnung der «Botschaft vom kommenden Gottesreich» [79] zu lauschen bereit sind.

Erst mit dem Islam wächst eine zweite apokalyptische Bewegung grösster Stosskraft heran: «Die Botschaft vom endzeitlichen Weltgericht mit seiner Vergeltung der guiten und bösen Taten der Menschen war das primäre Anliegen des Propheten, zu dem zeitlich erst an zweiter Stelle die Forderung eines exklusiven Monotheismus hinzutrat» [80] .

VII

Die in den Jesus-Legenden wirkende Hauptfigur tritt als apokalyptischer Prediger auf. Der Satz:«Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie ein Blitz» (Lukas 10:18) benutzt die Jesajastelle vom gestürzten Morgenstern, um mit ihr das Ende der Katastrophen aber gerade zu bestreiten:

Und Jesus sprach zu ihm (einem Jünger): Siehst du diese grossen Bauten? Nicht ein Stein wird auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde. [...] Aber zu der Zeit, nach dieser Trübsal, werden Sonne und Mond ihren Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden ins Wanken kommen. [...] / Und es werden geschehen grosse Erdbeben und hin und her Pestilenz und teure Zeit; auch werden Schrecknisse und grosse Zeichen vom Himmel geschehen. (Markus 13:2 & 24-25; Lukas 21:11)

«Geschichte im Rahmen apokalyptischer Traditionen zu erfahren & zu deuten ist eines der wesentlichen Elemente in Glauben & Theologie des Urchristentums wie der frühen Kirche» [81] . In der Offenbarung des Johannes Patmos hat sie ihre wirkungsvollste Ausdruckskraft gefunden. Dort nun erscheint die Jesusfigur nicht mehr allein als Apokalypsenandroher, sondern – in der Schlussinformation der gesamten christlichen Bibel – als bronzezeitliche Gottheit, dh als Bringer der zuvor nur verkündeten Katastrophe: «Ich, Jesus [...] bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der hell strahlende Morgenstern» (22:16). Diese Formulierung gilt dem chaldäisch-griechisch-römischen Publikum, das mit den Kulten für den Merkurplaneten niemals aufgehört hat. Der in heiliger Opferung zum Gottesschöpfer & Gottessohn werdende Kultstifter, den als Busse für solche Schuldigwerden beim Heilen der Gemeinschaft nachher selbst das Opferschicksal erreicht, ist wiedererstanden.

So muss auch nicht verwundern, dass die ersten Bischöfe der jungen Kirche in sozialer Stellung & äusserlicher Aufmachung deutlich dem «Heros» nachgebildet werden, der in den spätantiken dionysischen Mysterienspielen das Ritual leitet & selber im bronzezeitlichen Heros – dem heiligen Opfertöter – seinen Vorläufer hat. Mit ihren Kirchen & dem eucharistischen Verspeisen von Jesu Fleisch & Blut beerben die Christen aber nicht allein die Tempel der nicht-jüdischen Planetenanbeter, sondern zugleich den – gewissermassen späthebräischen – Kultplatz, der seit 70 XK aus der Geschichte entschwundenen Sadduzäer Jerusalems. Die Juden hingegen gehen den Weg des synagogalen Lehrhauses & fallen hinter diesen Fortschritt zurück, wenn sie der Stolz insbesondere der katholischen Kirche, die Erbin des Jerusalemer Tempels zu sein, mit Schmerz erfüllt.

Der Erfolg der neuen Bewegung erklärt sich jedoch nicht aus der Neuformulierung des opferlichen Heilsgedankens allein – der ist nur für Juden das interessante Fremde oder eben der schlichte Rückfall. Erst die jüdischen Liebesgebote liefern – neben der bemerkenswerten Freiheit der jüdischen Frauen [82] – für die armen & rechtlosen Menschen des römischen Imperiums ebenso wie für die an seiner Zukunft verzweifelnden Gebildeten jene faszinierende Beigabe, die ihren eigenen Ideologien so entschieden mangelt. Es sind die Bedrückten & Verunsicherten, welche die Liebesgebote am sehnlichsten vernehmen, sich zugleich aber von ihren angestammten Opfererleichterungen am schwersten lösen können & den jüdischen Opferverzicht deshalb als unakzeptabel verwerfen.

An solche Menschen – Griechen in der frühen Christenhochburg Ephesos – schreibt der Autor des sog Paulusbriefes and die Epheser vom heiligen Ganzbrandopfer Jesu: «Christus hat [...] sich selbst dargegeben für uns als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch» (Epheser 5:2). Den Juden, um deren Scham über das im Jerusalemer Tempel noch verbliebene Opfer er sehr wohl weiss, wird auch viel jüdischer geschrieben als den Planetenverehrern: «Denn mit einem Opfer hat er für immer vollendet, die geheiligt werden. [...] Wo aber Vergebung ist, da geschieht für sie kein Opfer mehr» (Hebräer 10:14 & 18). Gleichwohl stossen die Autoren auch hier nicht zur Opferüberwindung vor, sondern wollen gewissermassen mit einem Überopfer Missionserfolg erlangen. Unter Juden bleibt deshalb die Darstellung des Jesusprozesses als Menschenopfer weitgehend ohne Nachhall. Gegenüber den Völkern der Opferreligion aber trifft der Epheserbriefautor den richtigen Ton. Das durch den Pharisäer Hillel noch radikalisierte Liebesgebot – «Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht» (Talmud Sabbat 31a) – in Verbindung mit der Ausmalung von Jesu Ende als Menschenopfer, aus dem der Gläubige guten Gewissens Heil ziehen dürfe, erweist sich in einer Welt, die selbst das reale Menschenopfer nie ganz überwunden hat [83] , als unwiderstehlich. Nicht durch Werke & gesetzestreue Schadenswiedergutmachung [84] , die auch den Juden nicht leicht fällt, nicht durch diese viele Menschen überfordernde Sublimierung muss der Anhänger des Christus seinen inneren Frieden suchen, sondern durch «sein Blut» sei der längst «gerecht geworden» (Römer 5:9).

Dabei tritt Paulus keineswegs als «durchtriebener» (H. Maccoby) Priester vor die Griechen, sondern wie einer von ihnen. Denn im kilikischen Tarsos – also vor seinem Studium in Jerusalem – lebte er ja noch «ohne Gesetz» (Römer 7:9) der monotheistischen Juden. Die Suche nach Mechanismen der Abfuhr von Schuldgefühl beherrscht gerade sein Leben über die Massen (dazu etwa Römer 7:7-13). Sublimierung als tätiges Leben unter dem Gesetz entlastet gerade ihn von ruheloser Erregung nicht. Die aufgeklärte Position seiner pharisäischen Lehrer, die Opfer an Himmelerscheinungen verwerfen, empfindet er als Entzug einer Rechtfertigung für Entschuldungsrituale. Seine Abkehr von ihnen ist denn auch an eine persönliche «kosmische Erfahrung» gekoppelt. Auf dem Weg nach Damaskus, wo er apokalyptische Sektierer – Christen also – auskundschaften will, erscheint ihm «ein Licht vom Himmel, heller als der Sonne Glanz» (Apostel-Geschichte 26:13). Als er vor dieser Erscheinung niederfällt (ibid 14), hat er die Mühen des Monotheismus abgeworfen & ist auf das vorbabylonische Hebräertum bzw auf das Griechentum, das eine Babylon vergleichbare Revolution ja nicht erlebt hatte, zurückgefallen. Die Erlösung im Ritual, das wegen schrecklicher Himmelszeichen erforderliche sei, hat sich von neuem Bahn gebrochen.

Apokalyptische Botschaften, die Bronzezeitkatastrophen mit ihrer Panik & den für ihre Lösung erfundenen Opfern als in der Zukunft eintretende Ereignisse ankündigen, gewinnen ihren Einfluss in der Paulusbewegung nicht allein als Rechtfertigung für die Wiederaufnahme gruppentherapeutischer Heilsrituale. Sie eignen sich vorzüglich auch dazu – & sind deshalb bis heute lebendig –, eine Sprache für Angst- & Wutbestrebungen zu finden, die aus der vorsprachlichen Entwicklungszeit des Kindes (des 1. Lebensjahres) stammen & einigender Kommunikation, dh auch sprachlich bestimmter Therapie kaum zugänglich sind. Diese Erregung aus der hilflosesten Kinderzeit bemächtigt sich des apokalyptischen Jargons, weil er in der Gegenwart ohne reale Entsprechungen, also frei ist & dennoch als Sprache der ersten Menschheitsliteraturen Omnipräsenz besitzt. Eine Teuerung oder eine Seuche als Desaster – «Unstern» – zu fassen, verrät eine grotesk überzogene Gefahrenschilderung, wirkt aber nicht lächerlich, sondern allegorisch. Eine Wahlniederlage als Götterdämmerung – Atmosphärenverschmutzungen der Grosskatastrophenzeit – zu kommentieren, liefert ebenfalls eine verrückte Wirklichkeitssicht & gilt dennoch als akzeptabler Stil, bindet also Erregung, die bei Redendem & Zuhörenden gleichermassen zu Worte kommen will.

Die subjektiven Ängste, aus denen heraus objektive Probleme wahrgenommen werden, resultieren aus diesen also nur partiell & verfallen mit dem überschiessenden Anteil auf die katastrophische Sprache. Auf diese Weise gewinnen die Traumen der Vergangenheit ganz ohne genetische Verankerung mithilfe der grössten Literaturdenkmäler der Menschheit Einfluss auch auf das Gegenwartshandeln [85] . Die katastrophischen Termini allegorisieren die vorsprachlichen Erregungen nämlich nicht nur, sondern verzerren die Krisenbeschreibungen derart, dass Reaktionen nahegelegt werden, die sowohl den Problemen unangemessen bleiben als auch den infantilen Zuständen einen so masslos übertriebenen Ausdruck verleihen, dass erst dadurch schwerstes rituelles Geschütz rechtfertigbar wird. Eine Wirtschaftskrise, wie das römische Reich sie im Zerfall des Kaufsklavenkapitalismus ab der Zeitenwende erlebt, als einsetzende Verfinsterung des Himmels zu deuten, kann die Ängste nicht ausdrücken, ohne sie zu verschärfen.

Die religiösen Anbieter müssen dann auch diesen Verschärfungen Rechnung tragen & tun das dadurch, dass den katastrophengläubigen Apokalyptikern gerade nicht der Tod, der vielmehr die nicht-apokalyptischen Pharisäer schrecklich treffen werde, angedroht, sondern – nach dem irdischen Ende – das ewige Leben verheissen wird. Dass solche Verlockungen bei vernunftfähigen Menschen kaum Fuss zu fassen vermögen, zeigt sich etwa auch bei dem an Plato geschulten Hellenisten Kelsos, der bereits um 172 XK – überliefert durch Origenes (185-254 XK) in Gegen Celsus V:14 – schreibt: «Töricht ist auch ihr [christlicher] Glaube, dass, wenn Gott einmal wie ein Koch das Feuer herangebracht hätte, das ganze übrige Menschengeschlecht ausgebrannt werden würde, sie dagegen allein fortbestehen würden, und zwar nicht nur die Lebenden, sondern auch die längst schon Gestorbenen; diese würden wieder aus der Erde hervorkommen, bekleidet mit dem nämlichen Fleische wie früher. Es ist dies eine Hoffnung, die geradezu für Würmer passend ist».

Nun sind in Zeiten sozialer Krise die am härtesten Betroffenen oft auch die bereits infantil am meisten Geschädigten. Das «arme Wurm» formuliert auch heute noch die Umgangssprache. Je ausgedehnter nämlich die frühe Vernachlässigung, desto heftiger die Angst- & Wutregungen. Diese Wut aber muss – um die Entwicklung der Psyche während des ersten Lebensjahres zu resümieren – verdrängt werden, nachdem die Identität der von dieser Wut verfolgten & der lebenserhaltenden Person (Mutter) erkannt ist, was nach dem 6.-8. Lebensmonat möglich wird. Da das weitere Ausleben der Wut unlöslich mit der Angst vor Pflegeverlust legiert ist, beginnt der erste Sublimierungsversuch, dessen Gelingen als sog Achtmonatesangst, die bei Weggehen der Mutter einsetzt & als Sorge um dieselbe erscheint, sichtbar wird. Je zuverlässiger von nun an die Mutter, desto eher erfolgt Umwandlung von Wut in einigendes Handeln, welches vom Kind als beruhigende Nichtbeseitigung der Mutter erfahren wird. Je zerrissener hingegen die Mutter-Kind-Beziehungen, desto schwerer gelingt die Sublimierung von Aggression & desto heftiger wächst die Wut, die nur noch mit aller Beunruhigung nach innern gerichtet werden kann & deshalb auf erlaubte Schnellabfuhr drängt. Die apokalyptische Bewegung des Christentums reüssiert deshalb bei den überdurchschnittlich wütend Gemachten & überdurchschnittlich sozial Bedrohten gleichermassen. Ohne Opferheilsangebote, die antijüdisch sind, kann man diesen Menschen die jüdischen Gerechtigkeitsforderungen & Liebesgebote nicht leicht nahebringen.

Während die griechisch-römische Judenfeindschaft aus der jüdischen Überwindung des Opfers resultiert, hat die christliche ihr Zentrum in dem Vorwurf, dass es gerade die Juden seien, die an Jesus das heilsbringende Opfer vollzogen hätten. Der «Glaube an Jesu Tod als Heilstat», wie das ein Altmeister protestantischer Theologie jüngst wieder unverrückbar festgestellt hat, dieser Glaube, ohne den es besser wäre, «den christlichen Laden einfach zu schliessen» [86] , ist ohne heilige Tötung Jesu nicht zu haben. Der Entschuldungsgewinn aus dem Abendmahlsnachvollzug des Menschenopfers kann nicht ohne Billigung der Opferung Jesu erlangt werden, was umgehend neues Schuldgefühl erzeug. Die Suche nach jemandem, der die Schuld für den Tod, von dem die Gläubigen sich etwas versprechen, zu übernehmen hat, ist von einer positiven Glaubensbilanz unabtrennbar.

Längst gibt es eine kaum noch überschaubare Forschung, die entweder auf den römischen Anteil am Tode Jesu abzielt [87] oder gar das schlichte Überleben Jesu in den Vordergrund stellt [88] . Schon die Autoren des Koran beziehen Stellung & heben hervor, die Juden «haben ihn (in Wirklichkeit) nicht getötet und (auch) nicht gekreuzigt» (Sure 4:157). Tatsächlich spricht alles für eine römische Gerichtstat & manches vielleicht für ein Überleben der Person Jesu. Der so verausgabte Forscherfleiss geht allerdings am Opferbedürfnis vorbei, aus dem heraus bzw zu dessen Bedienung der Prozess Jesu als Menschenopfer aufbereitet wird. Er bleibt auch ratlos vor der Frage, warum «die Juden» zum kollektiven «Sacred Executioner» [89] erklärt werden.

Hyam Maccoby glaubt, dass Paulus die Juden zum Jesusopferer erklärt habe, weil er seiner Bewegung mit dem Hinweis auf die römische Verwaltung als wahrem Täter den Unwillen der Herren des Imperiums eingetragen hätte. [90] Das scheint auf den ersten Blick einzuleuchten. Aber Rom war mit seinen Kaisern selbst längst aufs sakrale Königtum zurückgegangen & hätte in seiner Darstellung als Opferungsinstanz kaum etwas sonderlich Aufrührerisches entdecken können. Überdies verdienen die ersten Heidenchristen den Vorwurf, sich b ei den Römern beliebt machen zu wollen, wohl am allerwenigsten. «Die Juden» werden uE als Jesusopferer Zentralbestandteil christlicher Theologie [91] , weil die missionierten Griechen & Römer sich über die jüdische Opferverweigerung längst geärgert hatten & nur zu gerne hörten, dass gerade die am Opfer unschuldigen Juden hier zum Opferer geworden seien, so dass nun niemand mehr da wäre, der sich von der Schuld setzenden Seite des Rituals ausschlösse & es eben dadurch erst ganz & gar gerechtfertigtes Heil biete. In der christlichen Konstruktion wird also der heilige Töter zweigeteilt: Den schuldverstrickenden Part muss das gerade in diesem Bereich sich nicht schuldig machende Judentum übernehmen, während der Erlösungseffekt des Rituals ganz der Jesusfigur allein zugeschlagen wird. Ein Messias, der nicht etwa fürs heilige Töten am Ende selbst mit Kasteiung oder dem Leben bezahlt, sondern ausschliesslich heilender Heiland & doch Geopferter sei, ist erstanden.

Der Nachteil der christlichen Aufspaltung des Messias in einen gar nicht mehr heiligen Töter & einen heiligen Erlöser besteht darin, dass die Juden als nichtopfernde Menschengruppe weiterleben & ganz offensichtlich nicht bereit sind, der ihnen zugewiesenen Hinrichterrolle Dignität zu verleihen. Die Beruhigung durch den klassischen Heros, der sich geisselt & grandiosen Verzicht vorlebt, um so den Erlösung Suchenden zu zeigen, dass die Tötungsschuld gebüsst wird & nicht auf sie fällt, verschaffen die der Opferei beschuldigten Juden gerade nicht. Die Tat – wenn sie auch nur konstruiert ist, was für die gläubige Seele aber keinen Unterschied macht – fällt immer wieder auf die Gemeinde zurück. Die Opferbilanz droht negativ zu werden. Jedes «Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der hat das ewige Leben» (Johannes Ev &:54) fügt dem Schuldgefühl, das gerade abgewälzt werden soll, neue Quanten hinzu, solange ein Verantwortung übernehmender Priester fehlt. Die katholische Kirche hat dieser Schwierigkeit am entschlossendsten zu begegnen versucht: Das Ritual darf nur von geweihten Priestern, die durch gewisse Askesevorschriften auch büssen sollten, durchgeführt werden. Das Brotfleisch & das Weinblut werden direkt angebetet & verdeutlichen einmal mehr die Gotteserschaffung durch den Opferakt selbst. Insofern sind die reformierten Gläubigen eher in die Wut auf einen anderen Opferer genötigt.

Der auffällig diffus-allgemeine antisemitische Kernslogan «Die Juden sind an allem schuld», kann nun interpretiert werden: Sie seien schuld am peinigenden Schuldgefühl, weil sie bei der opferlichen Aggression nicht mitmachen & auch die Unterstellung, sie selbst seien schuldtragende Opfervollstrecker, nicht akzeptieren. Die Behauptung, sie seien an allem schuld, besagt also, dass der nach innen gehenden & dort Krankheit gebärenden Wut keine heilende Abfuhr beschert wird, wenn es für das Ritual keinen Vollstrecker gibt oder wenn es an Erlaubtheit verliert, weil Nichtopferer es durch ihre blosse Existenz ins Zwielicht rücken. Die Antisemiten kommen mit dem Monotheismus in die Welt, weil dieser das Opfer überwinden will, ohne welches jene das Leben nicht ertragen können.

 VIII

Wenn der Antisemitismus aus der jüdischen Opferverweigerung erwächst, so sollten seine verschiedenen Verkörperungen solcher Einschätzung nicht widersprechen. & tatsächlich kreisen die antijüdischen Ausfälle primär ums Opfer & haben darin mit typischen Fremdenangstmerkmalen, wie sie auch anderen Gruppe zu schaffen machen, nichts gemein. Es wird sehr gut verstanden, was am Juden erregt, obwohl ihm gewiss auch Merkmale der Fremdheit in Kleidung, Gesichtsschnitt oder Sprache beigelegt werden. Allein diese geben auf die Frage «Why the Jews?» gerade keine Antwort. Die zum Opfer gehörenden Anwürfe aber führen ins Zentrum des Hasses: (1) Die Juden seien die schlimmsten Opferer von allen, (2) die Juden machten sich übers Opfer lustig & (3) das Judentum sei selbst die panikerregende Gefahr, die ein heilendes Opfer für die Erschreckten erfordert, in dem dann lebendige Juden den Part der nun rituell besiegten Panikursache zu spielen habe.

Im Vorwurf, dass die Juden selbst die allerschlimmsten Opferer seien, Christenkinder schlachteten, dem Zionismus Araberkinder darbrächten & überhaupt die Völker als Blutsauger malträtierten, kehr die Opfereibeschuldigung aus dem Jesusprozess in anderer Gestalt wieder. Insbesondere die Ritualmordvorwürfe an Christenkindern zur Osterzeit [92] , den Tagen also, an denen die Erinnerung ans heilende Ritual feierlich begangen wird, verraten das Problem, dass die Opferheil Suchenden selbst mit ihrer Religion haben. Schon die hellenistischen Autoren des 1. XK-Jahrhunderts – Apion & Damocritos – verleumdeten die Juden, einmal im Jahr bzw jedes siebente Jahr einen griechischen Jüngling zu opfern & zu zerstückeln. Im Opfervorwurf drückt der Judenhasser seinen eigenen Wunsch aus, vom Opfer loszukommen. Er kann es nicht als verabscheuungswürdige Tat verdammen, ohne seine eigene Distanzierung zum Opfer zu präsentieren. Er ähnelt hier dem Juden der Nachbabylonzeit, der sich fürs Jerusalemer Tieropfer schämt & in dieser Scham ja wiederum nichts anderes ausdrückt als Schuldgefühl, das selbst bei kollektiver & deshalb scheinbar erlaubter Aggressionsabfuhr im Ritual nicht ausbleibt. Wo nicht wirklich übergrosse Panik zum erlösenden Opfer treibt & dessen Bilanz ins Positive bringt, werden Zweifel an der Notwendigkeit des Opfers aus dem Schuldgefühl fürs Opfern immer neu genährt. In der Judenverfolgung wird somit auch versucht, den eigenen Zweifel am Opfer zu unterdrücken, indem seine äusserliche Verkörperung beseitigt wird. Der ermordete Jude kann aber die Zweifel des am Jesusopfer Hängenden nicht mir ins Grab nehmen, & nur an diesem Zweifel kann die Aufklärung übers Opfer anzusetzen versuchen.

Im Vorwurf, dass sich die Juden übers Opfer erhöben, es lächerlich machten, seine Anhänger verachteten, zeigt die Judenfeindschaft ihre aus Opferbedürfnis genährte Wurzel. Am Karfreitag, der das angebliche Jesusopfer memoriert, liessen die Juden keine Ergriffenheit erkennen. Die Hostie ehrten sie nicht als heilige Speise & vollgültigen Leib ihre vergöttlichten Landmannes. Ja, sie vergrüben sie wie etwas, das einer Auferstehung nicht fähig sei. Die jüdische Überzeugung, dass aus einem Menschenopfer kein Heil erwachse, & der christliche Glaube, dass nur aus solchem Opfer etwas zu gewinnen sei, bilden also den Kern des Konfliktes. Selbst in der Glanzzeit der europäischen Aufklärung, als gebildete Protestanten freundschaftlich mit Juden debattierten, reisst am Menschenopferheil der Christen der dünne Gesprächsfaden. So schreibt etwa Moses Mendelsohn (1729-1786) zu Attacken des evangelischen Pfarrers Lavater aus dem Jahre 1769 an den Herzog von Braunschweig, der ihn bittet, sich doch mit Lavater zu einigen, «seine Vernunft [...] lehnt sich gegen die mysteriösen Lehren des Christentums auf und hindere ihn daran, an die Erbsünbde zu glauben; dass ein Unschuldiger die Schuld eines Schuldigen auf sich nehmen könne, widerspreche der göttlichen Gerechtigkeit» [93] . Bis heute stehen die Konzepte des kindesverschonenden Abrahamgottes & des sohnesopfernden Christengottes unvereinbar nebeneinander.

Der Vorwurf der Opferverachtung an die Juden, der Verdacht, dass sie es als einzige nicht nur nicht praktizierten, sondern scheinbar auch nicht nötig hätten, führt zu ihrer Gleichsetzung mit dem Teufel oder Satan [94] , mit den als Katastrophenbringern identifizierten Himmelskörpern der Bronzezeit also, vor denen die apokalyptisch Erzogenen sich immer noch fürchten. Wer durch sie nicht in Panik gerate, könne nicht menschengleich, sondern müsse wohl von ihrer Kraft sein & wirdwird daraufhin selbst als schrecklicher Anlass für ein Opfer gesehen.

Der mit & um Heil angerufene Führer der Antisemiten im deutschen Nationalsozialismus hat solcher apokalyptischen Darstellung der Juden den entschiedensten Ausdruck verliehen. Er glaubt, dass «der Jude [...] seinen verhängnisvollen Weg weiter(geht), bis ihm eine andere Kraft entgegentritt und in gewaltigem Ringen den Himmelsstürmer wieder zum Luzifer zurückwirft» [95] . Ein noch nicht gestürzter Morgenstern seien die Juden, & er – Hitler – biete sich als Befreier vom Schrecken an, der von ihnen ausgehe. Die zu apokalyptischer Sichtweise der Wirklichkeit erzogenen Menschen, die eben nicht nur harmlose Allegorisierungen von sich geben, sondern sich mit diesen die Analyse & Abhilfe sozialer Not erschweren, aber für die mit ihr einhergehende psychische Erregung machtvoll auf den Weg des Opferheils geraten, küren in Hitler auch einen sakralen König, einen rituellen Töter, der sogar die Verantwortung für sein entsetzliches Tun zu übernehmen scheint. «Wir adorierten ihn wie einen Messias oder besser wie einen Gott-Kaiser der Antike», erinnert sich der NS-Diplomat R. Spitzy in So haben wir das Reich verspielt (München 1986). Doch die mehr als fünf Millionen Juden, die nun Massentötungen anheimfallen oder in die Feueröfen der deutschen Vernichtungslager geworfen werden, können weder das ersehnte Heil bringen, noch werden sie ohne Schuldverstrickung für die Gemeinschaft von einem Messias umgebracht. Die Botschaft des Judentums, dass man sich aus dem Menschenopfer kein Heil erwarten könne & Himmelskörper bzw ihre Statuen («Götzen») nicht zu fürchten brauche, soll mit der Auslöschung der Juden zunichtegemacht werden & erfüllt sich selbst noch an den Massenmördern, die nur Unheil erzeugt haben.

Der nach Judenmassakern nicht selten auftretende Philosemitismus ähnelt selbstredend der oben erklärten Vergottung des als Vertreter oder Spieler einer Naturgewalt im Opferritual getöteten Lebewesens. Diese Judenverehrung lässt meist nach, wenn die direkt im Massaker schuldig gewordene Generation abgetreten ist. Die Nachwachsenden kehren dann oft genug zum gewöhnlichen Antisemitismus zurück.

Die apokalyptische Sicht von Juden ist also nicht geschwunden. Insbesondere Israel wird nicht mehr allein von den Staaten, die es direkt auslöschen wollen, als «grosser Satan» gezeichnet. Beträchtliche Majoritäten der Vereinten Nationen fallen gegenüber den Juden Israels, die nicht einmal ein Tausendstel der Weltbevölkerung stellen, ähnlich erregten Verzerrungen anheim. Die Aufklärung des Hasses auf Juden erscheint deshalb dringlicher denn je.

Doch auch in Deutschland gelten sie längst wieder als Verhinderer von Schuldgefühlabfuhr – diesmal der deutschen Schuld am Judenmord [96] . Statt den Menschenopferglauben zu durchbrechen, der nach Auschwitz geführt hat, wird er nun dafür eingesetzt, die Schuld am Holokaust loszuwerden. Der deutsche Zweig der römisch-katholischen Weltkirche lässt zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation verkünden:

Schuld lässt sich nicht durch eine Schwemme politischer und psychologischer Analysen bewältigen. Das Herz des Menschen muss neu werden. Wir bitten Gott um Verzeihung für alles Versagen und für alle Schuld in jenen Jahren. Jesus Christus ist für uns Sünder gestorben, "er der Gerechte, für die Ungerechten" (1 Petr 3:18). Das Heil, das er gebracht hat, übergreift alles Unheil, das Menschen anstiften. [97]

Von diesem Vorwurf gegen Menschen, die auf Bewusstwerdung beharren & sich schneller Entschuldung widersetzend, ist zum Pogrom – an Zeitgenossen etwa, die zu Bitburg oder Waldheim nicht schweigen wollen – kein sonderlich weiter Weg mehr.

Die jüdische Botschaft, dass aus dem Opfer kein Heil erwachse, betrifft aber auch weltliche Heilswege, deren Beschreiter jeweils in einem grossen & dann nicht ohne Opfer abgehenden Akt – Privateigentümer- oder Kommunistenbeseitigung, Fleischverzicht oder Sexualrevolution, Verwandlung der Götter in Frauen oder Blitztherapien für die Seelen – die Menschen erlösen wollen. Die antijüdischen Ausfälle solcher Bewegungen [98] verraten, dass sie sich längst von dem vor zweieinhalb Jahrtausenden formulierten Gedanken gestört fühlen. Da auch diese nur scheinbar – oder doch nur partiell – areligiösen Heilsversprechen allein nach den Vorgaben apokalyptischer Weltverständnisse «erfüllbar» sind, wird einmal mehr deutlich, dass ohne Aufklärung des historischen Erregungshintergrundes so gearteter Wirklichkeitssicht dem Antisemitismus nicht leicht beizukommen sein wird.

Der in Feuilletons der Bundesrepublik Deutschland jüngst entbrannte Zwist darüber, ob Auschwitz in eine Kette ähnlicher Verbrechen an anderen Gruppen oder Völkern & somit relativiert gehöre oder gerade die «Einzigartigkeit der NS-Verbrechen» (J. Habermas in Die Zeit v. 7.11.1986, 13) die Erinnerung bestimmen müsse, leistet für solche Aufklärung noch keinen erkennbaren Beitrag. Beide Positionen – & das gilt auch für die Couragiertheit letzterer, die immerhin eine Frist für weiteres Nachdenken erringen könnte – stheen vor dem Judenhass der vergangenen zweieinhalb Jahrtausend ratlos. Einzigartig in der Menschheitsgeschichte ist gerade die Kontinuität der Judenverfolgung & allein in ihr sind auch die Vorstufen für Auschwitz zu finden.

So überrascht es nicht, dass die Kontrahenten – bei aller Heftigkeit des Schlagabtausches – einander darin gleichen, dass sie ihren Streit um die Auschwitzbewertung ohne Analyse des Antisemitismus führen. Der aber hat ja nicht nur damals zur Judenverbrennung geführt, sondern ist bis zu dieser Stunde ungebrochen lebendig. Die Polemik um ettwas, das alle Parteien so einmütig der Vergangenheit zuschlagen, erweist sich also lediglich als akademische Variante der Versuche, die Auseinandersetzung um die wirklichen, dh auch in der Gegenwart ungelösten Probleme nicht beginnen zu müssen.

Nachschrift

Zu Weihnachten 1985 gegeben an Johannes Paul II «Dem letzten sakralen König für die Überweindung des sakralen Königtums» sowie zu Weihnachten 1986 «Zur Überwindung des Sohnesopfers»

&

1987 der Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Orientalische Altertumsforschung SGOA

Vor einem Dreivierteljahrhundert beschrieb der Zimmern-Schüler Hermann Schneider die Entwicklung der jüdischen Religion, wie sie mit der Neueinweihung eines Tempels in Jerusalem um ~515- XK Gestalt angenommen hatte:

Die jüdische Kirche proklamiert den Monotheismus; Jahu allein ist Gott, Weltgott, überall gegenwärtig; der Babylonier würde ihm vielleicht überall Tempel bauen, der überjüdische Gläubige würde alle Tempel beseitigen; der Jude findet in vielen Tempeln einen Verstoss gegen den Monotheismus, in einer Aufgabe aller Tempel eine Verflüchtigung des Wesentlichen; so kommt er – vom Geschichtlichen abgesehen – zu einem Tempel für die ganze Welt. In Jerusalem berühren sich Himmel und Erde; hier hat der Weltgott Haus, Kammer und in der Lade ein besonderes Symbol; so weit wird er versinnlicht.

Am Tempel und nur hier gibt es Priester. Der Babylonier braucht überall geweihte Mittler, der Überjude kann sie ganz entbehren; der Jude beschränkt sie auf den Tempel, gibt sie aber nicht auf; auch sie sind ein Stück des Sichtbaren. [H. Schneider Kultur und Denken der Babylonier und Juden (Leipzig 1920) 414]

Dass selbst dieser innerjüdische Kompromiss, diese «unpriesterliche Buckirche» [ibid 123], die zwischen der gänzlichen Überwindung von Opfer, Priester, Gottheit & Tempel einerseits & dem Festhalten an diesen Institutionen andererseits steht, viele Menschen jener Zeit immer noch überfordert, verdeutlicht Schneider an einem welthistorisch sehr erfolgreichen Spross des antiken Judah:

Das Judentum ist eine Religion von sehr geringer Spannweite; der monotheistische Pietismus nach oben, der monotheistische Formalismus nach unten setzt seine Grenzen. Das Christentum geht nach oben kaum weiter; nach unten aber hat es alle vom Judentum überwundenen polytheistischen und sakramentalen Regungen primitiver Logik wieder eingelassen und sich damit eine ungeheure Gemeinde gesichert. [Ibid 411]

Die Leistung dieser Beschreibung Schneiders erscheint umso bemerkenswerter, als ihm gänzlich dunkel bleibt, warum Opfer, Priester, Götter & Tempel überhaupt in die Welt gelangt sind & woraufhin erst babylonische Juden – aber auch griechische Denker – dazu übergehen konnten, sich von diesen Bildungen wieder freizumachen. Bis heute hat sich diese wissenschaftliche Ratlosigkeit kaum verringern lassen, obwohl inzwischen der mit dem Monotheismus geborene Judenhass, den Schneider nicht behandelt, gerade in Deutschland so mörderisch gewirkt hat & bis heute so ungebrochen vital geblieben ist, dass eine Erklärung der Entstehung, Überwindung & Zähigkeit frühantiker Opferreligionen dringender denn je erscheint.

Ungeachtet bisheriger Ergebnislosigkeit hat es aber an Versuchen nicht gemangelt, mit dem Verstehen der opferlichen Vergangenheit & ihrem Nachwirken in der Gegenwart weiterzukommen. Insbesondere der Verharmlosung der in vielen Mythen berichteten gewaltigen & gewaltsamen Vorgänge zu überzogenen & eher infantilen Phantasien der Altvorderen ist etwa von Max Horkheimer & Theodor Adorno in ihrer Essaysammlung Dialektik der Aufklärung (Amsterdam 1947) mit grosser Emphase entgegengetreten worden. Auch diese Autoren ahnen jedoch lediglich vage, dass mit der Auflösung der Mythen zu blossen Phantasiegebilden ein Stück realer Vergangenheit unterschlagen wird, das der Menschheit entscheidende Anstösse gab. Welche überwältigenden Umstände der Bronzezeit Opfer, Gottheiten & Mythen hervorgetrieben haben, bleibt vollkommen ausserhalb ihrer Sicht. & wo sie dann nicht auf Wind, Flut & Vulkan als Hintergrund der alten Geschichten verfallen, der zumindest heute keine kosmischen Götter mit ihren Kriegen nachsichzieht, heften sie die Mythen an ein harmonisches & egalitäres Leben vergangener Stammesgesellschaften, das in der mythenauflösenden Aufklärung der Klassengesellschaft herabgewürdigt werden müsse, um nicht der Sehnsucht nach dieser früheren Lebensform anheimzufallen. Dass die zentralen Mythen gerade aus priesterhierarchischen Gesellschaften ohne Aufklärung stammen & auch die Stämme – allen blutsverwandtschaftlichen Solidarpflichten zum Trotz – keineswegs als Erfüllung von Harmonieidealen gelten können, belegt nur, dass selbst die «Kritische Theorie» vor dem «Zeitalter des Opfers», wie die Hinduhistoriker die Bronzezeit nennen, versagt.

Auch vierzig Jahre nach dem Erscheinen von Dialektik der Aufklärung hat ihr bedeutendster Fortsetzer – der Berliner Religionswissenschaftler Klaus Heinrich – das Blickfeld der Frankfurter Schule kaum erweitern können. Was die Menschen Tempel & Opfer schaffen liess & aus welchem Grunde – teilweise dieselben – Menschen dann dagegen vorgehen oder doch zumindest die Gottheiten vermenschlichen [99] konnten, wird einmal mehr unter Formeln der Verlegenheit wie "Entwicklung", "Fortschritt", "eines Tages" usw als noch ganz undurchschaubar eingestanden [vgl K. Heinrich Dahlemer Vorlesungen 2. Anthropomorphie (Basel & Frankfurt/M 1985 39]. Gleichwohl wird gespürt, dass eine die Mythen nur "kleinmachende" wissenschaftliche Vorgehensweise Vergangenheitsereignisse von grosser Tragweite verdrängt & entsprechend darauf beharrt, dass ohne die Kritik an solcher Verdrängung eine Aufklärung, die diesen Titel verdient, nicht beginnen kann.



[1]     H.A. Strauss, N. Kampe (Hrsg) Antisemitismus. Von der Judenfeindschaft zum Holocaust (Frankfurt/M & New York 1985) 23.

[2]     Ibid 22 - Hervorhebung PAF. Von christlich-protestantischer Seite ist von eineinhalb Jahrzehnten dieser Tatbestand eingestanden worden: «Erschreckend regelmässig [...] begegnen wir hier, selbst in ganz verschiedener Kombination von Antihaltungen, dem Antisemitismus, so als wäre er ein unvermeidbares Element gesellschaftlicher Pathologie überhaupt» - vgl K.H. Rengsdorf, S.v. Kortzfleisch (Hrsg) Kirche und Synagoge Bd II (Stuttgart 1970) 708. «Vermessen» (ibid 709) nannten die Herausgeber seinerzeit Versuche, dieses Problem lösen zu wollen. Der Autor weiss, dass es schwer wird, diesem Verdikt zu entgehen.

[3]     D. Prager, J. Telushkin Why the Jews? The Reason for Antisemitism (New York 1983). Die Autoren schlagen als Antwort eine Kombination verschiedener Faktoren vor: jüdische Zweifel an der Gültigkeit anderer Gottheiten, jüdische Weltverbesserungsversuche, die Erwähltheitsvorstellung & die höhere Lebensqualität. Aber damit sind bestenfalls Folgephänomene benannt, deren Grund ganz unbeleuchtet bleibt.

[4]     Vgl zu diesem & vielen anderen Fällen zuerst J. Parkes The Conflict of the Church and the Synagogue (London 1934).

[5]     E. Meyer Ursprung und Anfänge des Christentums Teil II, 1. Band (Berlin 1921) 26f. Zum Vorherrschen der opferbestimmten Astralkulte im Nordreich bis zur Eroberung durch Sargon & im Südreich mindestens bis zur Josiahreform – wenn nicht bis zum deuteronomistischen Geschichtswerk (Mitte des 6. Jhs) – vergleich den detaillierten – allerdings auf Erklärungen verzichtenden – Überblick bei H.-D. Hoffmann Reform und Reformen. Untersuchungen zu einem Grundthema der deuteronomistischen Geschichtsschreibung (Zürich 1980).

[6]     Zit n M. Stern Greek and Latin Authors on Jews and Judaism Bd I (Jerusalem 1976) 10.

[7]     Ibid Bd II (Jerusalem 1980) 165.

[8]     Ibid Bd I, 10; zu den etwa 500 Städten des spätrömischen Reiches mit jüdischen Bürgern vgl J. Juster Les Juifs dans l’empire Romain Bd I (Paris 1914) 179-209.

[9]     Älteste Überlieferung dazu der im -1. Jh XK lebende Apollonius Molon. Vgl M. Stern Bd I, 155.

[10]    So schon der um 300- XK lebende Hecataeus von Abdera. Vgl M. Stern Bd I, 28.

[11]    So neben Apollonius Molon vor allem der im frühen -1. Jh XK schreibende Apion.

[12]    Vgl zu Menschenopfer & Pharmakos etwa W. Burkert Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche (Stuttgart 1977) 139ff.

[13]    Zur Spätdatierung des Abrahamstoffes vgl vor allem J. van Seters Abraham in History and Tradition (New Haven 1975); die von van Seters unabhängigen Gründe für ebendiese Spätdatierung finden sich vorrangig in G. Heinsohn 0-Punkt Abraham (Basel 1987).

[14]    Ganz ähnlich heisst es bei Jeremia: «Ihr sollt nicht den Gottesdienst der Heiden annehmen und sollt euch nicht fürchten vor den Zeichen des Himmels, wie die Heiden sich fürchten» (Jeremia 10:2).

[15]    Zit n Encyclopaedia Judaica Bd I (Berlin 1928) Sp 396.

[16]    Talmud (Ausgabe L. Goldschmidt) Bd 2, Traktat Pesahim X, 7 (Berlin 1965) 673.

[17]    Zit n M. Stern Greek and Latin Authors Bd II aaO 341.

[18]    A. Kurfes (Hrsg & Übers) Sybillinische Weissagungen – Urtext mit Übersetzungen (Berlin 1951) 85. Die Datierung dieser Passagen ist selbstverständlich immer vor dem Hintergrund zu sehen, dass alle alttestamentlichen Texte in ihrer „vorliegenden ‚kanonischen’ Gestalt als Produkt einer orthodox-Jerusalemer (pharisäisch-rabbinischen) Rezeption vermutlich seit dem -2. Jh XK zu betrachten“ sind (vgl B.-J. Diebner „Gottesdienst II“ in Theologische Realenzyklopädie Bd XIV (Berlin & New York 1985) 23.

[19]    Vgl N.R.M. de Lange, C. Thoma «Antisemitismus I» in Theologische Realenzyklopädie Bd III (Berlin & New York 1978) 117 & 118.

[20]    Für diese Position vgl etwa H. Vorländer „Der Monotheismus Israels als Antwort auf die Krise des Exils“ in B. Lang (Hrsg) Der einzige Gott. Die Geburt des biblischen Monotheismus (München 1981) 103-106.

[21]    Vgl dazu G. Braulik „Das Deuteronium und die Geburt des Monotheismus“ in E. Haag (Hrsg) Gott, der einzige. Zur Entstehung des Monotheismus in Israel (Freiburg et al 1985) insbes 133-149.

[22]    Ibid 133.

[23]    Ibid 134.

[24]    Als historisch noch frühere Stellen zum vorbabylonischen Menschenopfer in Israel & Judah vgl etwa 2 Mose 4:24-26; 3 Mose 18:21; 5 Mose 12:31 & 18:10; 2 Könige16:3 & 23:10; Psalm 106:37-38; Jeremia 7:31; vgl insgesamt zu altorientalische Menschenopfer A.R.W. Green The Role of Human Sacrifice in the Ancient Near East (Missoula 1975). Green resümiert die Lage vor dem babylonischen Exil: «Originally child sacrifice had a legitimate place in the cult of Yahweh./ During the formative period of the Federation of Israel, there is a strong implication that human sacrifice was practiced by the people as an acceptable aspect of their Yahwistic belief. [...] During the subsequent traditional period, the denunciations of this rite by Israel’s early prophets is a clear implication that it persists.» Ibid 174 & 199. Es ist diesem Zitat selbstverständlich umgehend anzufügen, dass die Menschenopfer der vorbabylonischen Hebräer nur allzugern als antisemitischer Vorwurf gegen die monotheistischen Juden gerichtet wurden & werden, während in Wirklichkeit ihr in Babylon vollzogener Schritt gerade der Bruch mit dem Menschenopfer gewesen ist, so dass eher als bemerkenswert gelten muss, dass jene Opfervergangenheit aus der Bibel nicht vollends getilgt wurde.

[25]    Vgl zu diesem Menschenopfer an einen Gott Israels & Judahs & nicht an irgendwelche fremde Götter etwa H. Gese „Ezechiel 20, 25f & die Erstgeburtopfer“ in H. Donner, R. Hanhart & R. Smend (Hrsg) Beiträge zur Alttestamentlichen Theologie – Festschrift für Walter Zimmerli zum 70. Geburtstag (Göttingen 1977) 140ff.

[26]    Vgl G.B. Walker The Hindu World: An Encyclopaedic Survey of Hinduism (New York 1968)

[27]    Vgl C.F.A. Schaeffer Stratigraphie comparée et chronologie de l’Asie occidentale (IIIe et IIe millénaires) (London 1948) passim.

[28]    Vgl I. Velikovsky „Astronomy and Chronolgy“ in Pensée Bd II Nr 2 (Portland/Oregon 1973).

[29]   

[30]    W. Helck „Zur Lage der ägyptischen Geschichtsschreibung“ (Resümee) in S. Schoske (Hrsg) 4. Internationaler Ägyptologenkongress, 26.8.-1.9.1985, München. Resümees der Referate  (München 1985) 95.

[31]    Gegenüber der israelischen Historikerin Eva Danelius (Jerusalem) hat übrigens Schaeffer, der 1982 starb, eine solche Einteilung mündlich noch akzeptiert. Gleichwohl sind genaue Zahlen niemals zu gewinnen, solange wir uns vor Alexander dem Grossen befinden.

[32]    Vgl J. Dayton Minerals, Metals, Glazing, and Man (London 1978) 418.

[33]    Siehe dazu etwa die chronologische Tafel bei W. Burkert Griechische Religion aaO 12.

[34]    Vgl M. Finley Die frühe griechische Welt (München 1982) 73 & 24.

[35]    D.O. Edzard „Königslisten“ in Reallexikon der Assyriologie Bd 6 (Berlin 1980) 84.

[36]    T. Jacobson The Sumerian King List (Chicago 1939) 71; sa Gilgamesch Epos Tafel XI, 116-130.

[37]    F.R. Kraus Könige, die in Zelten wohnten (Amsterdam 1965) 123.

[38]    Gilgamesch-Epos Prolog.

[39]    E. Porada „The Relative Chronology of Mesopotamia. Part I: Seals and Trade (6000-1600 B.C.)” in R.W. Ehrich (Hrsg) Chronologies in Old World Archaeology (Chicago & London 1965) 156.

[40]    N.K. Sanders The Epic of Gilgamesh (Harmondsworth 1973) 61.

[41]    W. Nützel „The Climate Changes of Mesopotamia and Bordering Areas“ in Sumer Bd XXXII Nr. 1 & 2 (1976) 13.

[42]    H.J. Nissen Grundzüge einer Geschichte der Frühzeit des Vorderen Orients (Darmstadt 1983) 70.

[43]    E. Porada „The Relative Chronology“ aaO 156ff.

[44]    Zum Fehlen des Priestertums in der Jungsteinzeit vgl etwa G. Clark World Prehistory in New Perspective (Cambridge et al 1977) 63 sowie E. Vermeule Greece in the Bronze Age (Chicago & London 1972) 21. Zu Sintflutüberlieferungen & Kultbeginn immer noch interessant: H. Usener Die Sintflutsagen (Bonn 1899). Zur Verbindung des Flutereignisses mit dem Erscheinen eines kämpfenden Himmelsdrachen, einer grossen Schlange oder eines sonstigen Wesens aus dem Bestiarium vgl etwa J. Fontenrose Python. A Study of Delphic Myth (1959) (Berkeley et al 1980) 420, 455, 469, 471, 492, 494 & 497f.

[45]    W. Burkert Griechische Religion 51 Fn 2.

[46]    D. Wolkenstein, S.N. Kramer Inanna, Queen of Heaven and Earth (New York et al 1983) 95.

[47]    Nach J.B. Pritchard (Hrsg) Ancient Near Eastern Texts Relating to the Old Testament (Princeton 19693) 11.

[48]    Schon Schimpansenmännchen rasen bei Gewitter, Blitz & Donner Hänge hinaus, um von dort mit Knüppeln in ihren Händen gegen die himmlische Natur zu wüten – vgl J. v. Lawick-Goodall Wilde Schimpansen (Reinbek 1971) 48f.

[49]    Walter Burkert hat uE geistreich gezeigt, dass die Abwehrreaktion bestimmter Primaten noch in den Hermesstatuen mit aufgerichteten Phalloi wiederkehrt & damit Teil des Rituals gewesen sein muss. Auch für die Verbindung zwischen Markierungsurinieren (das Angsturinieren wird erstaunlicherweise übergangen) & Libation, dh Trankopfer votiert er. Vgl W. Burkert Structure and History in Greek Mythology and Ritual (Berkeley 1979) 40f.

[50]    Theogonie 535.

[51]    Zit n H. Brugsch Die neuie Weltordnung: Nach Vernichtung des sündigen Menschengeschlechts (Berlin 1881) 187.

[52]    Es ist aber nicht das zu versöhnende Jagdtier, aus dem die Opferrituale der Bronzezeit erwachsen, wie häufig – etwa durch Walter Burkert (s Homo Necans. Interpretationen altgriechischer Opferriten und Mythen (Berlin et al 1972) Kap 1) – vertreten wird. Die Versöhnungsgesten am getöteten Tier gibt es selbstverständlich auch bereits in der Jungsteinzeit. Sie antworten aber auf eine Handlung, in der die Menschen Herren & nicht Erleidende sind. Den Steinzeitjägern mangelt also die sie selbst zu «Gejagten» machende Katastrophe als Voraussetzung für die Schöpfung des heilungspotenten Rituals. Die Steinzeit findet deshalb auch nicht zu kosmischen Göttern. Gleichwohl fehlen die psychischen Mechanismen der Tierversöhnung dann nicht bei der Versöhnung der Geopferten (vgl auch Anm 69).

[53]    Vgl etwa P. Chavat "Early Ur" in Archiv Orientalni Jg 47 (1979) 18.

[54]    Vgl W. Burkert Griechische Religion 94 & 158.

[55]    Vgl R. de Vaux Ancient Israel. Volume 1. Social Institutions (1961) (New York et al 1965) 111.

[56]    Zur Herausbildung des Königtums vgl G. Heinsohn Zur Problematik von Strukturbrüchen. Universalgeschichtliche Perspektiven sozialer Evolution Vortragsmanuskript Universität Osnabrück (29.10.1986) Teile C-E.

[57]    Vgl L. Rost Studien zum Opfer im Alten Israel (Stuttgart et al 1981) insbes 27 & 76.

[58]    Vgl W. Burkert Griechische Religion 404.

[59]    Vgl H. Ringgren Israelitische Religion (Stuttgart 1963) 188.

[60]    Vgl ibid 194.

[61]    Vgl etwa mA. Falkenstein "Zu «Inannas Gang in die Unterwelt» in Archiv für Orientforschung Bd 14 (Berlin-Graz 1941-44) 130ff, & S.N. Kramer Sumerian Mythology (1944) (Philadelphia 1972) 83ff.

[62]    Vgl etwa W.G. Dever "Recent Archaeological Confirmation of the Cult of Ashera in Ancient Israel" in Hebrew Studies Bd 23 (1982) 37-43.

[63]    Vgl zur Beschreibung dieser Entwicklung etwa B. Lang "Die Jahwe-allein-Bewegung" in ders (Hrsg) Der einzige Gott aaO 47ff.

[64]    Vgl dazu etwa W. Burkert Griechische Religion 153 iVm 76; sa L. Rost Studien zum Opfer aaO 68 Fn 58.

[65]    Nicht nur für die Kybele=Venus (dazu W. Burkert Structure and History aaO 104ff), sondern auch für die Quetzalcoatl-Venus der Azteken ist solche Priesterselbstkastration inzwischen belegt – vgl A. Taladoire Les terrains de jeu de balle (Mexiko City 1981) 542. Manfred Knaust (Bremen) stiess auf den Zusammenhang fehlender Priesterentschuldung & Selbstkasteiung.

[66]    M.I. Finley Early Greece: The Bronze and the Archaic Ages (London 1981) 61. Finley datiert die «Enthauptung» (ibid 65) Mykenes noch ägyptologisch um 500 Jahre zu früh, hat also die Zerstörung des Feudalismus bei ~1200- XK & den Start des Privateigentums bei ~700- XK, weshalb ihm diese Grundlage der abendländischen Zivilisation denn auch unerklärbar bleiben muss (ibid 87).

[67]    Vgl zu dieser Revolution G. Heinsohn & O. Steiger Eigentum, Zins und Geld: Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft (1996 Reinbek) passim.

[68]    Vgl W. Burkert Griechische Religion 98.

[69]    Die Verbindung zwischen Leichen, die an Bäume gefesselt sind, & den frühesten Statuen der Himmelskönigin Artemis hat – 1961-1965 – bereits K. Meuli gesehen (Gesammelte Schriften II (Basel 1975) 1034-1091). Er konnte aber nicht verstehen, was eine Leiche am Baum mit einer kosmischen Göttin zu tun hat. Walter Burkert hat dann versucht, der kosmischen Dimension gerecht zu werden. Sie bilde nicht den Ausgangspunkt des Opfers, sondern stelle sich als sein Ergebnis ein: was im Opfer in Bewegung gerät, sind «nicht die Ordnungen der Natur, sondern die des Gemeinschafts- und des korrespondieren Seelenlebens. Die so ausgelöste Erschütterung freilich ist so gewaltig, dass der Kosmos im gleichen Rhythmus mitzuschwingen scheint.» (W. Burkert Homo Neceans 131f). Diese Verkehrung eines katastrophisch-kosmisch erzeugten Schocks mit anschliessendem Ritual zur Wiederherstellung menschlicher Handlungsfähigkeit in einen rituell beeinflussten Kosmos lässt nun die Frage nach dem Ursprung des Rituals weiterhin gänzlich unbeantwortet. & auch Burkert endet wieder beim getöteten Tier & beim verstorbenen Verwandten. Die an ihnen vollzogenen Wiedergutmachungsrituale stehen aber erst am Abschluss des Opfers. Sie kommen bei der wiedergutmachenden Vergottung des geopferten Lebewesens zum Zuge, können aber nicht seine Opferung selbst erklären. Zum Reduktionismus der Burkertschen Opfererklärung (wie auch derjenigen R. Girards, dem alles aus ewiger Aggression erwächst & dann dunkel bleiben muss, warum das Opfer nicht immer & überall vollzogen wird) vgl bereits V. Valerie Kingship and Sacrifice. Ritual and Society in Ancient Hawai (Chicago & London 1985) 67-70.

[70]    Dazu M. Knapp Pentagramma Veneris (Basel 1934) passim; sowie C. Blöss Venus-Report (Basel 1983) passim.

[71]    «Buch der Jubiläen» [aus dem -2. XK-Jh]; zit n E. Kautzsch (Hrsg) Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments Bd 2 (Tübingen 1900) 61f.

[72]    ibid.

[73]    Vgl dazu etwa M. Smith "Jewish Religious Life in the Persian Period" in W.D. Davies, L. Finkelstein (Hrsg) The Cambridge Ancient History of Judaism Vol I (Cambridge et al 1984) 271.

[74]    Zu den Auseinandersetzungen bei Wiedereinnahme der Ländereien vgl etwa E. Stern "The Persian Empire and the Political and Social History of Palestine in the Persian Period" ibid 70, sowie P. Ackroyd "The Jewish Community in Palestine in the Persian Period" ibid 158.

[75]    Exemplarisch dafür: «Wenn die schwache Präsenz des Problems 'Monotheismus' in der alttestamentlichen Fachliteratur nicht durch seine geringe Relevanz erklärt werden kann, so auch nicht dadurch, dass es schon gelöst wäre» – O. Keel (Hrsg) Monotheismus im Alten Israel und seiner Umwelt (Fribourg 1980) 19.

[76]    Vgl insgesamt dafür G. Heinsohn Menschenopfer... (Titelfussnote) passim.

[77]    Exemplarisch dafür: «Über die Deutungen des Gesamtphänomens Apokalyptik sind die Akten noch keineswegs geschlossen, hier steht die Forschung noch in den Kinderschuhe» – K. Koch (Hrsg) Apokalyptik (Darmstadt 1962) 18.

[78]    A. Strobel "Apokalyptik des Johannes" in Theologische Realenzyklopädie Bd III (Berlin & New York 1978) 187.

[79]    Vgl J. Maier, K. Schubert  Die Qumram-Essener (München & Basel 1982) 38.

[80]    G. Lanczkowski "Apokalyptik/Apokalypsen 1" in Theologische Realenzyklopädie Bd III (Berlin & New York 1978) 190.

[81]    G. Kretschmar Die Offenbarung des Johannes. Die Geschichte ihrer Auslegung im 1. Jahrtausend (Stuttgart 1985) 19.

[82]    Vgl dazu etwa C. Schneider Geistesgeschichte der christlichen Antike (1954, 1970) (München 1978) 329.

[83]    Vgl W. Burkert Structure and History 65.

[84]    Ungebrochen richtet sich diese unbequeme Anforderung auch an den modernen Juden – vgl etwa A. Hertzberg Der Judaismus (1973) (Stuttgart 1981) 21f.

[85]    Vgl dazu ausführlich G. Heinsohn, C. Marx Kollektive Verdrängung und die zwanghafte Wiederholung des Menschenopfers (Basel 1984).

[86]    H. Conzelmann Heiden-Juden-Christen (Tübingen 1981) 4.

[87]    Dazu sehr informativ H. Maccoby Revolution in Judaea (New York 1980).

[88]    Dazu bereits sehr geistreich der zu Unrecht vergessene W. Hegemann Der gerettete Christus (Potsdam 1928).

[89]    Diesen treffenden Titel trägt das Buch von H. Maccoby The Sacred Executioner (London 1982).

[90]    Ibid.

[91]    Zur frühesten Ausarbeitung der christlichen Theologie von jüdischen Gottesmord durch Melito von Sardes, der um 160-180 Bischof dieser kleinasiatischen Stadt war, vgl E. Werner "Melito of Sardes, The First Poet of Deicide" in Hebrew Union College Annual Bd XXXVII (1966) 191ff.

[92]    Vgl dazu etwa L. Poliakov Geschichte des Antisemitismus Bd I (Worms 1977) 49ff. H. Maccoby (The Sacred Executioner 156ff) hat gezeigt, dass der Kindesmordvorwurf zusammen mit der Maria-Jesus-Kind-Ikonographie aufkommt, also nach der Wende zum 2. XK-Jahrtausend. Dem ist nur hinzuzufügen, dass der ganz unkindliche Morgenstern-Jesus & Katastrophenbringer tausend Jahre nach seiner Geburt keineswegs – wie in Offenbarung 20 verheissen & von den Gläubigen in Angstlust ersehnt – gegen den Morgenstern-Satan losschlägt, da auch diese apokalyptische "Erfindung" ruhig bleibt, & wohl erst dadurch im Bewusstsein der Menschen zum harmlosen Jesuskind schrumpfen konnte. Da diese Ikonographie aber die antiken Isis-Horuskind-Figuren aufgreift, ist dafür gesorgt, dass die Venusplanetengottheit (Isis) im himmelsköniglichen Spiel bleibt & auch der umgekommene Himmelsjüngling vom Adonis-Typus nicht fehlt.

[93]    Zit n L. Poliakov Geschichte des Antisemitismus Bd V (Worms 1983) 192.

[94]    Zur Gleichsetzung von Teufel & Juden J. Trachtenberg The Devil and the Jews (1943) (Philadelphia 1983) passim.

[95]    A. Hitler Mein Kampf (Ausgabe München 1933) 751. Zvi Rix (1909/Wien bis 1981/Rechovot Israel) hat auf diese Passage ebenso aufmerksam gemacht wie auch auf die Jesus=Morgenstern-Stelle in Offenbarung 22:16 & auf nm 51 oben.

[96]    Dabei ist in Erinnerung zu rufen, dass sich heute «neben einer toleranten Gruppe von etwa 30 % und einer stark antisemitischen Gruppe von etwa 20 % bei der Hälfte der bundesrepublikanischen Bevölkerung in Latenz zumindest Reste antisemitischer Einstellungen aufweisen lassen» – vgl A. Silbermann Sind wir Antisemiten? (Köln 1982) 63; vgl die ähnlich hohen Werte für Österreich bei H. Weiss Antisemitische Vorurteile in Österreich (Wien 1984) 53.

[97]    So der «Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz» Joseph Höffner am 8. Mai 1985 im Dom zu Köln – zit n Kfrankfurter Allgemeine Zeitung (9.5.1985) 6.

[98]    Als erster dazu M. Brumlik Die Angst vor dem Vater. Judenfeindliche Tendenzen im Umkreis neuer sozialer Bewegungen Vortrag am 20.4 1985 in der Katholischen Akademie Schwerte/Ruhr.

[99]    Zur gleichen Problematik heisst es übrigens über den Basler Altertumswissenschaftler – & vielleicht anregungsreichsten Opferforscher des 20. Jahrhunderts – Karl Meuli: «Er ist der Frage nachgegangen, warum die Griechen um 750 v.Chr. begonnen haben, Statuen zu schaffen und grosse Tempel zu bauen, in denen die Statuen stehen (= die Götter wohnen) können. – Fragen also, die abgrundtief sind» [vgl K. Meuli Gesammelte Schriften. Zweiter Band hgg. von. Th. Gelzer (Basel & Stuttgart 1975) 1147].